Der Bahnbetrieb bis 1992

Der Zweite Weltkrieg hatte gravierende Folgen für den Zugverkehr der Kanonenbahn. Die Strecke war an zwei Stellen unterbrochen. Auf Grund der Sprengung des Friedaviaduktes konnte zwischen Eschwege und Geismar nun keine Bahn mehr verkehren. An dieser Stelle wurde die Grenze der Besatzungszonen festgesetzt. Von nun an war die Linie Leinefelde-Eschwege als Gesamtstrecke Vergangenheit.
Schwierig war es ebenso mit der gesprengten Giese-Brücke bei Büttstedt. Aber trotz weniger Nutzung richtete man zu Gunsten der Anwohner die zur Nebenbahn degradierte Strecke wieder her. Denn nach Kriegsende begannen die Eisenbahner sofort damit, Trümmer und Schäden zu beseitigen, um die Strecke wieder befahrbar zu machen. Am 28. Dezember 1945 wurde die fertiggestellte Notbrücke erstmals befahren. Nun war wieder ein durchgängiger Zugverkehr von Leinefelde nach Geismar möglich.
Seit 1946 fuhren wieder die ersten Personenzüge. Die Strecke wurde von der Reichsbahndirektion Erfurt verwaltet. Der Endhaltepunkt Geismar konnte bald nur noch von Einwohnern des Grenzgebietes oder von Personen mit einer besonderen Genehmigung erreicht werden. Im Jahre 1967 richtete man den Sommerfahrplan wie auch in den Jahren zuvor stark auf den Berufsverkehr aus. Beachtenswert sei die ungewöhnlich frühe Abfahrtszeit des ersten Personenzuges nach Geismar (Leinefelde ab 2.56 Uhr) gewesen. Personenzugkreuzungen fanden nachmittags um 17.00 Uhr in Dingelstädt und abends gegen 19.00 Uhr in Küllstedt statt. Die Fahrzeiten betrugen für den Abschnitt Leinefelde-Geismar zwischen 74 und 101 Minuten, wobei bei letzterem Zug ein längerer Kreuzungsaufenthalt in Küllstedt berücksichtigt werden muss. 
Am 1. Mai 1992 wurde ein Wochenendzugpaar angeboten, das von den Reisenden sehr oft genutzt wurde. Trotzdem ging es 1992 langsam dem Ende des Fahrbetriebes zu. Anfangs konnten Reisende die Fahrscheine an allen Bahnhöfen erwerben. 1991 wurden die Fahrkartenausgaben Effelder und Großbartloff eingestellt und beide Haltepunkte für den Kleingutverkehr geschlossen. Die Fahrkarten wurden von nun an durch das Zugbegleitpersonal verkauft.
Wie schon erwähnt, nahm die Personenzahl der Mitreisenden der Züge immer weiter ab, obwohl die Bahn notwendig für die Bevölkerung des Südeichsfeldes war. Durch die deutsche Wiedervereinigung war das Eichsfeld nicht mehr ein Randgebiet, sondern befand sich wieder zentral in Deutschland. Zunächst kam für die Eisenbahn wieder ein Hoffnungsschimmer auf. Da nun die Eisenbahnstrecke nicht ausgelastet war, wurde schon bald von einer Stilllegung "gemunkelt". Beginnen wollte man mit der Ausschaltung des Lengenfelder Viaduktes, der wieder einmal renoviert werden musste. Somit wären die Orte Geismar und Lengenfeld/ Stein nicht mehr der Bahn zugehörig. Im Jahre 1990 waren diese Überlegungen noch nicht endgültig. Der Zug fuhr noch einige Jahre weiter.
Am 31. Dezember 1992 lief die technische Befahrbarkeit des Lengenfelder Viaduktes ab und seine Sperrung für den Bahnverkehr wurde fällig. Wegen nicht mehr vorhandener technischer Sicherheit wurde nun die Strecke gekürzt, so dass die Kanonenbahn nur noch bis Küllstedt fahren konnte. Der Zugverkehr zwischen Küllstedt und Geismar wurde eingestellt, somit wurden auch die Orte Effelder und Großbartloff nicht mehr angefahren. Die Bevölkerung, die zuvor schon von Plänen einer Stilllegung mitbekam, war entsetzt. Sie verlor ein attraktives Touristenziel, eine landschaftlich reizvolle Strecke und den Anschluss an Leinefelde.
Aber am 31. Dezember, an einem kalten Wintertag, sollte die Kanonenbahn ein letztes Mal vor der Stillegung den Lengenfelder Viadukt überqueren und die Orte Geismar, Lengenfeld/Stein, Effelder und Großbartloff anfahren. Dieser Tag wird allen damals Anwesenden immer in Erinnerung bleiben. In allen Dörfern war große Aufregung. Kinder mit Eltern, viele Jugendliche, junge und alte Menschen waren an diesem besonderen Tag unterwegs. Viele Besucher waren gekommen. Mittels Sonderticket konnte man die letzte Reise mit einer Dampflokeisenbahn durch die Landschaft der Heimat unternehmen. Dieser Sonderzug verließ den Bahnhof Leinefelde 9.38 Uhr und erreichte den Bahnhof Geismar um 10.34 Uhr. Die Rückfahrt ab Bahnhof Geismar erfolgte 12.07 Uhr, um Leinefelde wieder um 13.05 Uhr zu erreichen. Einige Bürger sperrten die Strecke und demonstrierten für den Erhalt der Strecke, die ihnen so sehr ans Herz gewachsen war. Nach einigen Minuten gaben sie die Strecke wieder frei. Die Anzahl der Reisenden an diesem Tage war so hoch, dass Sonderwagons angehängt werden mussten. Als der Zug die Brücke in Lengenfeld befuhr, winkten zahlreiche Menschen aus dem Zug und von den Straßen zum Zug. Vielen standen die Tränen in den Augen. Lokomotive und die angehängten Wagons waren länger als die gesamte Brücke. Ihre Fahrt wurde von Ortschaft zu Ortschaft bis zur Endstation zusätzlich von vielen Menschen mit ihren Pkws begleitet. Ganz Lengenfeld war von Fotografen und Videofilmern eingenommen. Sogar auf Leitern bauten sie ihre Kameras auf, um das bestmöglichste Bild zu bekommen. Den Zug hörte man schon von weitem, da er laut pfeifend angefahren kam.  Als letzter Zug passierte der P14381 am Nachmittag des 31.12.1992 den Lengenfelder Viadukt. Das "Jahrhundert der Eisenbahn" im Eichsfeld gehörte der Vergangenheit an.

Quelle: Winfried Stöber