Aus der Ortschronik Großbartloff
Der Weltkrieg 1914/18
von Nikolaus Görich


Nach dem siegreichen französischen Kriege folgte eine Periode des Friedens von mehr als 40 Jahren, zunächst kamen die Gründerjahre in wirtschaftlicher Beziehung und die Kulturkampfjahre in religiöser Hinsicht, hierauf erfolgte ein Umschlag. Nach der wirtschaftlichen Blüte, die sich bei uns in Großbartloff speziell äußerte in den tollen Jahren des Bahnbaus, trat seit ca. 1880-1900 die Zeit der größten landwirtschaftlichen Not ein und religiös die Zeit der Befreiung von der staatlichen Unterdrückung und Bevormundung, in industrieller Hinsicht jedoch hatten wir fast ununterbrochen, ungeahnten Aufstieg. Die Erinnerung an den Krieg und an Waffenlärm wurde den Be­wohnern immer wieder wachgehalten einerseits durch die alljährlichen Rekrutenaushebungen mit ausgelassenenTrinkgelagen meist in der hl. Fastenzeit, andererseits durch die jährlichen Kontrollversammlungen in Geismar, durch Kriegsvereinsveranstaltungen, und durch öftere Heeresmanöver, welche im Herbst abgehalten wurden und wobei es Einquartierungen gab. In unserem Dorfe 1891

Am Bahnhof in Mühlhausen erwartet man am 16. September 1891 Kaiser Wilhelm II.. Das Warten ist vergeblich, Kaiser Wilhelm II. kommt nicht mit der Bahn, sondern reitet in die die Stadt über die Erfurter Straße ein.

anläßlich des Mühlhäuser großen Kaisermanövers, sodann 1902 bei dem großen Manöver des Grafen Waldersee zwecks Anlegung eines Truppenübungsplatzes bei Wachstedt-Flinsberg, 1906 Einquartierung von Fuldaer Artillerie, 1911/12 solche von Hofgeismar?­schen Dragonern. An der Expedition nach China nahm kein Bartloffer Soldat teil, wohl aber an der Unterdrückung des Negeraufstandes in Deutsch-Afrika, Karl Schmidt und Norbert Henning (1906).Die gewaltige Steigerung der deutschen Militärmacht und des deutschen Wohlstandes steigerte auch immer mehr die Besorgnis des stolzen, meerbeherrschenden Englands, des rachedurstigen Frankreichs und des beutegierigen Russlands und bewirkte umsomehr dadurch, dass manche frühere Machthaber und Führer große politische Unklugheiten begingen, eine solche Isolierung Deutschlands und eine  solche politische Gewitterschwüle, die nichts Gutes ahnen ließ. Als dann Ende Juni 1914 der Thronfolger Österreichs, unseres treuen Bundesgenossen, anscheinend nicht ohne Mitwirken der Feinde meuchlings ermordet wurde, da kam das schon lange drohende Unwetter zur fürchterlichen Entladung. Am Nachmittag des 31. Juli verkündeten Extrablätter, dass der Kriegszustand vom deutschen Kaiser verhängt sei.Tiefgehende Erregung bemächtigte sich allen Gemütern, die noch erhöht wurde durch die Mobilmachung am folgenden Tage. Der Krieg ward erklärt. Es war abends 7 Uhr am  1. August, am Vorabend des Portiunkulasonntags, da meldete auf einmal stürmisch die Glocke des Gemeindedieners, dass die bange Ahnung zur grausen Wirklichkeit geworden und der Krieg über uns gekommen sei, es ging ein Zittern uns allen durch die Glieder, die Kirchenglocken erdröhnten und verkündeten den Völkersturm, ein Weinen und Schluchzen erhob sich in der Kirche unter den Gläubigen, die vor dem Beichtstuhl standen, denn manchem stieg der wehe Gedanke auf, es kann das Todesläuten sein für manchen lieben Sohn der Familie. Der Andrang zu den hl. Sakramenten war groß, es war ein erhebender Anblick als am andren Morgen, dem Portiunkulafeste, der größte Teil der wehrfähigenMänner und Jünlinge voll Ernst und Andacht zum Tisch des Herrn ging. Als dann im Hochamt der Ortspfarrer herzliche Worte des Trostes sprach und den scheidenden Kriegern Gottes Schutz und Beistand im Leben und ? sollte es sein ? auch im Sterben wünschte, da blieb kaum ein Auge tränenleer.Gefasst und gottergeben nahmen viele noch an demselben Tage Abschied von den Lieben, ein großer Teil der Dorfbewohner gab ihnen Geleite zum Bahnhof, denn niemand wusste, ob sie wieder kämen, ein letztes Händeschütteln, ein letztes Winken mit Hand und Tüchlein  und fort rollte der Zug, die humorvollen Sprüche, mit Kreide an die Eisenbahnwagen geschrieben, bekundeten die gute Stimmung der Soldaten.


An allen Bahnhöfen der Kanonenbahn zwischen Leinefelde und Niederhohne herrschte Hochstimmung. Man war begeistert in den Krieg ziehen zu dürfen. Hier am Bahnhof Niederhohne.

Diese wurde auf den Hauptbahnhöfen noch verstärkt durch Festesschmuck mit Girlanden und Fahnen, mit reichlich angebotenen Liebesgaben (Wurstbrötchen, Zigaretten usw.).Die meisten Krieger lebten in dem Glauben, dass der Krieg zwar höchst blutig, aber bei den modernen Waffen höchst kurz sein würde, große Kirmes, spätestens aber Weihnachten würde er vorüber sein. Aber es kam anders. Einberufung folgte auf Einberufung. Die Eisenbahn konnte die Arbeit kaum schaffen, viele Güterzüge mit Kriegsmaterial, mit Kanonen usw. rollten vorüber auf unsrer Bahn, die Züge fuhren meistens mit Verspätung, wenigstens anfangs, sonst aber in voller Ruhe und Ordnung, ohne Überhastung. Für die Sicherheit der Bahnlinien waren Bahnwachen in den ersten 4 Monaten aus bewaffneten Soldaten aufgestellt, ca. 100 Mann lagen davon einquartiert in unserem Dorfe.

Bis Dezember 1914 waren an allen Tunnel und Brückenbauwerken der Kanonenbahn Wachen aufgestellt. Hier die Tunnelwache Küllstedt.

Tunnelwache am Mühlberg I - Tunnel. Diese Wachmannschaft war in Effelder stationiert. Die beiden jungen Frauen haben gerade etwas zum Essen gebracht.

Wache Heiligenbergtunnel Großbartloff. Ganz offensichtlich hat hier im Jahre 1914 kein zweites Gleis gelegen. Der Grund ist nicht bekannt.

Wachmannschaft an der Friedatalbrücke. Dritter von rechts ist anton Henning aus Heyerode.

Für die Sicherheit der Landstraßen sorgten bewaffnete Männer und Burschen an den Dorfeingängen beim Untertor, besonders fahndete man auf angeblich französische Autos mit Goldlieferungen für das feindliche Russland. Als aber weder von Spionen, noch von Goldautowagens oder ähnlichen Dingen in unserer Gegend etwas festgestellt wurde, stellte man die Wachen an den Dorfeingängen und an den Bahnlinien wieder ab. Während nun Heer und Flotte an all den vielen Kriegsschauplätzen ihr Bestes taten zur Rettung des Vaterlandes, bemühten sich die Daheimgebliebenen auch in ihrer Weise für das Allgemeinwohl. Unser Dorf entfaltete eine rege Liebestätigkeit durch unzählige Absendungen von Liebesgaben-paketchen, durch reichliche Haus- und Kirchenkollekten für die mannigfaltigen Kriegsnöten.Die Frauen und Jungfrauen und Schulmädchen wetteiferten in Anfertigung von Strümpfen, Pulswärmern und Kopfschützern für die Krieger, die Nachbarn und Verwandten halfen sich treu aus in der Einbringung der Ernte und in sonstigen Arbeiten. Auch sammelten die Schulkinder Brennesseln, aus deren Fasern man Stoffe gewinnen wollte als etwaiger Erlaß für die Wollwaren, auch Beeren und dergl. wurden eifrig gesucht.Mancher Schulknabe musste den Pflug schon führen an Stelle des einberufenen Vaters und so der Mutter in vielen anderen häuslichen Verrichtungen wacker mithelfen. Auch das Beten vergaßen sie nicht, neben der Mutter knieten sie sich allabendlich hin zum andächtigen Rosenkranz für die Lieben in Feindesland, die hl. Messen und die regelmäßig am Freitag und Sonntag des Abends stattfindenden Kriegsandachten wurden außerordentlich eifrig besucht, der Sakramentempfang wuchs über Erwarten, sodaß von jenem Kriegsanfang in unserem Dorf auch die tägliche Austeilung der hl. Kommunion datiert, während nur an den Sonn- und Festtagen die Gläubigen  zum Tisch des Herrn zu gehen pflegten.Bald nach den ersten bangen Tagen meldeten die Zeitungen die ersten Erfolge in Belgien und Frankreich, die Einnahme Namurs und Lüttichs usw., an der Ostgrenze den glänzenden Sieg Hindenburgs bei Tannenberg über die Russen. Da atmete alles auf, da läuteten die Glocken und wehten die Fahnen. Aber es blieb nicht immer so. Es kam die Kunde verstohlen zu uns von der unglücklichen Marneschlacht und von unserem "strategischen Rückzug", im Osten von der Verheerung Ostpreußens, im Norden von dem Verluste mehrerer Kriegsschiffe bei Helgoland. Die anfängliche, übergroße Begeisterung machte einem ruhigen, entschlossenen Ernste Platz.  Es traf außerdem jetzt die traurige Nachricht von dem ersten Opfer ein, dass Heinrich Wallbraun am 13. September an der russischen Grenze bei Christiansen gefallen sei, bald auch der Gardegrenadier Heinrich Goldmann am 16. September in der Marneschlacht sein junges Leben verloren habe. Es läuteten dumpf und traurig die Kirchenglocken, ergreifend war das Requiem mit der im Chor aufgestellten Tumba, mit den schwarz umflorten Lichtern und den Waffen und den verhüllten Bannern des Krieges- und des katholischen Jünglingsvereins.Monat auf Monat verging, es nahte noch kein Ende, wohl aber kam der rauhe Winter, es folgten Kämpfe Tag um Tag, Schlachten über Schlachten im Osten und Westen, bald günstig, bald ungünstig. Unterdessen traf eine Todesnachricht nach der anderen ein; immer mehr Trauer zog in die Familien, aber immer noch kein Friede. Am 9. November 1918 brach die deutsche Revolution aus, fast innerhalb von 24 Stunden waren sämtliche Fürsten abgesetzt, der Kaiser und seine Dynastie entthront und auf der flucht ins Ausland, die Arbeiter- und Soldatenräte überall die Herren der Situation, das Bürgertum leistete keinen  Widerstand. Es folgte der schändliche Waffenstillstand von Compiegne, das Zurückfluten der gesamten Front in rasendem Tempo durch Belgien und Lothringen an den Rhein und ins Innere Deutschlands, dadurch der Verlust von ungeheurem Heersematerial. Bald kehrten auch bei uns die ersten Soldaten heim, zuerst die Etappenmannschaften, dann die Fronttruppen. Am 14., 15. und 16. Dezember kamen mehrere Kompagnien in geschlossenem Zuge mit Musik durchs Dorf marschiert, aber in solch traurigem Zustand, daß bei ihrem Anblick vielen alten Kriegern vom siegesreichen 70er Feldzuge die Tränen über die Wangen liefen.