Heute vor 70 Jahren fielen Bomben auf Eschwege - Als die Schienen in die Luft flogen


Als die Schienen durch die Luft flogen

Werrarundschau am 21. Februar 2015

22. Februar 1945, kurz vor 13.00 Uhr: Eschwege erlebt einen seiner schwersten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg. Ein alliiertes Bombergeschwader hat­te es auf den Eschweger Bahnhof und den Fliegerhorst abgesehen. 44 Perso­nen sterben, davon 21 Eschweger. Die meisten Bahngebäude, Lokomotiv- und Triebwagenschuppen, Teile des Flugareals sowie angrenzende Häuser der Eisenbahn-Straße werden durch die ungeheure Kraft der Bomben zer­stört. Rund 60 Prozent der Gleis-Anlagen und ein Güterzug mit 40 Achsen werden Opfer des Bombenhagels.

Bahnhof Eschwege Gesamtansicht nach Bombenangriff

Zerstörter Lokschuppen

Während der alliierten Ope­ration "Clarion", der größ­ten Luftkriegsoperation der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, steht die Zerstörung von Verkehrs­wegen wie Eisenbahnknotenpunk­ten, Bahnhöfen, Häfen, Brücken und ähnlichen Anlagen, in Deutsch­land und Österreich, im Mittel­punkt, um Nachschubwege und Transportmittel für die Wehrmacht zu unterbrechen sowie zu vernich­ten. Eschwege war eines der Ziele. "Wenige Wochen vor der bedin­gungslosen Kapitulation Deutsch­lands kam der Krieg aus der Luft auch noch einmal über die Kreisstadt, war die militärstrategisch bedeutende Ost-West-Achse der soge­nannten Kanonenbahn zwischen Leinefelde und Treysa Zielpunkt der alliierten Bomber.

Der Eschweger Reiner Neu­mann und Hermann Josef Friske aus Reichensachsen ha­ben die Geschehnisse vor 70 Jahren auch anhand von Zeitzeugen rekon­struiert. Neumann, aus Ostpreußen stammend, Mitglied der Humanontogenetik an der Berliner Humboldt­universität, fand 1945 seine neue Heimat in der Kreisstadt. Schon zu Schulzeiten hat er als freier Mitarbeiter für WR, HNA und den Hessischen Rundfunk gearbeitet, was auch sein Interesse an der Nach­kriegsgeschichte geweckt hat.

Friske gehört zu den hervorragen­den Kennern der Berlin-Coblenzer-Eisenbahn, der Kanonenbahn. Tech­nisch interessiert, haben sich beide Archive angelegt, in der die Eisen­bahngeschichte in der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, er­gänzt durch zahlreiche Aussagen von Zeitzeugen, eine zentrale Rolle spielt.  ln seinen Aufzeichnungen zum 70. Jahrestag des Luftangriffs auf den Eschweger Bahnhof, lässt Reiner Neumann den damaligen Dienstvorsteher und Luftschutzleiter des Bahnhofs Eschwege, Walter Haase, zu Wort kommen.

Walter Haase

Schon in den frühen Morgen­stunden wurde Fliegeralarm gegeben. Plötzlich, um 12.53 Uhr, tauchten mehrere feindliche Flugzeuge aus südlicher Richtung auf. Schon wenige Minuten später sahen wir das Angriffszeichen. Alle, für die es noch möglich war, ver­suchten die behelfsmäßigen Luftschutzräume zu erreichen. Da pras­selten schon die ersten Bomben nie­der. (...) Der Luftdruck der Detona­tionen war derart gewaltig, dass die Notausgänge der Schutzräume ein­gedrückt wurden. (...) Acht bis zehn Minuten später ließ der Angriff nach. Als Eisenbahn-Luftschutzbeauftragter ging ich mit einigen Be­diensteten nach oben, als eine neue Welle feindlicher Bomber am Himmel erschien. Um die Schutzräume zu erreichen, war es zu spät. Wir suchten Deckung in einem Bom­bentrichter. Der Angriff blieb je­doch aus und wir sahen anschlie­ßend ein einziges Trümmerfeld. Im Betriebsgebäude, durch einen Voll­treffer fast vollends zerstört, sahen wir im ersten Stock eine Frau, die wir retten konnten."

Aus den von Reiner Neumann und Hermann Josef Friske ar­chivierten Erinnerungen des Walter Haase oder der Anita Witzel - verwitwete Müller - geht weiter her­vor, dass Tod und Zerstörung von kaum erahntem Ausmaß die Kreis­stadt am 22. Februar 1945 heimge­sucht haben.

Drehscheiben und Schienen wur­den zu Luftgeschossen, wurden später bis zu 500 Meter weit entfernt von ih­rem Ursprungsort gefunden. Doch der Bombenangriff hatte auch sein Wunder: "Die sechsjährige Ilse Hart­wig - später Horche - überlebte mit ih­rer Familie das Inferno im Haus Eisen­bahnstraße 14, wo lediglich Fenster­scheiben zu Bruch gegangen wa­ren...!"

Hinterher wurde alles dafür ge­tan, die Schäden schnell zu beseitigen. Nach 24 Stunden war die Strecke nach Niederhone wieder befahrbar. Über 600 Helfer waren im Einsatz, um die gröbsten Trümmer zu  beseitigen. Einige der Op­fer wurden am 25. Februar 1945 auf dem Ehrenfriedhof in Eschwege zur letzten Ruhe gebettet.

Erinnerung an Massey-Ferguson

Dort, wo alliierte Bomben ei­nen Teil Eschweges zerstör­ten, half nach dem Krieg eine englische Firma, die Wirtschaft in der Region wieder in Schwung zu be­kommen. Massey-Ferguson baute eine Maschinenfabrik auf und legte den Grundstein zu einem Industrie­gebiet. Der Eschweger Bodo Ortmei­er aus der deutschen Geschäftslei­tung von Massey Ferguson erinnert sich an die Zusammenhänge.

Flugplatz Eschwege

"Nach Kriegsende entstand auf dem Eschweger Fliegerhorst und in zunächst ausgebauten Hallen des Flugplatzes die Mähdrescherfabrik von Massey Ferguson. In Eschwege, wo des Gegners Flugzeuge zuvor gestartet waren, baute man nun fast gleichzeitig die Fabrik für MF- Mähdrescher. Die Idee zur Errich­tung der Fabrik und die Umsetzung in Eschwege hatte ein Mann aus dem Bezirk Dresden, der nach dem Krieg seine Landmaschinenfabri­ken im Osten verlassen musste, Dr. Ing. Hermann Raussendorf."

1996 nahm Ortmeier an der Jubi­läumsfeier zum 50-jährigen Beste­hen der Massey-Ferguson-Traktorenfabrik im englischen Coventry teil. Die MF-Fabrik in Coventry war über Jahrzehnte die weltweit größ­te Fabrikationsstätte für Trakto­ren. Die Produktion dort wurde un­mittelbar nach dem Krieg im Jahr 1946 aufgenommen. Bis zum Kriegsende 1945 produzierte man in dieser Fabrik noch Motoren für die Royal Airforce, so auch für die Bomber, die im letzten Kriegsjahr Dresden bombardierten. Die Moto­renfabrik firmierte unter Standard Motors.

Ortmeier schreibt über den Besuch in Coventry: "So schloss sich ein Kreis, aus unerbittlichen Gegnern entstand dort, wo die Motoren für die Bomber von Dresden und Eschwege gebaut wurden, eine Traktorenfa­brik." (ts)

HINTERGRUND

In Eschwege waren Aufklärer stationiert

Parade aus Anlass der Eröffnung des Flugplatzes Eschwege

1936 wurde der Flugplatz zwi­schen Eschwege und Niederhone eröffnet. Im Herbst 1936 begann der Aufbau des Luftparks Eschwe­ge. Stationiert waren dort Aufklä­rungstruppen. Ab 1940 war der Fliegerhorst Ziel von mehreren britischen Luftangriffen. Im April 1945  besetzten amerikanische Truppen den Flugplatz.

Nach Abzug der amerikani­schen Einheiten wurden die Un­terkünfte durch "Displaced  Persons" belegt. Die technischen Be­reiche wurden Ende 1948 in ein Industriegelände umgewandelt Lediglich eine kleine amerikani­sche Einheit, die in Altefeld eine Funkaufklärungsstation betrieb, nutzte in den 1950er Jahren ei­nen kleinen Bereich des ehemali­gen Fliegerhorstes.

Heute sind die ehemaligen Unterkünfte umgewandelt in Wohnungen. Das ehemalige Stabsgebäude beherbergt heute das Finanzamt. In die ehemalige Hauptwache ist ein China- Res­taurant eingezogen. Ein weiteres Beispiel für den Wandel in der Nutzung des ehemaligen Flieger­horstes ist das ehemalige Offi­zierscasino. Nach Ende des Krie­ges wurde es bis 1954 als Restau­rant "Stadthalle" betrieben. Da­nach wurde das Gebäude Lehr­werkstatt für die Firma Massey- Ferguson . Seither waren dort verschiedene mittelständische Betriebe ansässig, (ts)


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