70 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs - Gedanken von Michael Krämer


Michael Krämer aus Wanfried gibt uns einige Anregungen über die Verarbeitung des Themas Nationalsozialismus in den Köpfen eines Teils der westdeutschen Bevölkerung. Ähnlich drastisches lässt sich sicher auch über das Maß der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit vieler ostdeutscher Zeigenossen sagen.
Schuld einzugestehen erfordert viel Zivilcourage.  Doch die scheint bisweilen nicht allzuweit verbreitet zu sein!

 

Michael Krämer
Zum Elfengrund 10
37281 Wanfried
Tel: 05655/1567


Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter von Bunt statt braun,

70 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges...

...wird immer noch darüber diskutiert, ob es richtig ist, die nach dem Lehrer und Antisemiten, Fritz Neuenroth, benannte Straße in Eschwege umzubenennen.

...wird immer noch geleugnet, dass in den 1960iger und 1970iger Jahren viel zu viele Altnazis mit Ehrenbürgerschaften und Straßenbenennungen geehrt wurden.

...wird immer noch vereinfachend erzählt, der zweite Weltkrieg und das Terrorregime des Nationalsozialismus sei durch eine einzige Person namens Adolf Hitler verursacht worden.

...wird immer noch in Abrede gestellt, das der Antisemitismus einen jahrhundertealten Vorläufer im Christentum, insbesondere den auf Martin Luther zurückzuführenden Antijudaismus hatte.

...wird immer noch nicht deutlich gemacht, dass es im Nationalsozialismus auch darum ging, dass sich die führenden Nazis aber auch die Kirchen im lokalen Umfeld an jüdischem Eigentum bereicherten.

...weigert man sich immer noch in Wanfried die Zeit des Nationalsozialismus endlich in der evangelischen Kirchengemeinde und in der Stadtverordnetenversammlung aufzuarbeiten, obwohl Wanfried im damaligen Kreis Eschwege die NS-Hochburg war und es kein Zufall war, dass in diesem Ort ab November 1935 ein Deutscher Christ Pfarrer in der Gemeinde wurde.

...will man immer noch nicht zur Kenntnis nehmen, dass über den Bauernverband im Kreis Eschwege die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Kreis Eschwege ganz maßgeblich gefördert wurde.

...ist immer noch nicht herausgearbeitet worden, dass es im Nationalsozialismus innenpolitisch vor allem um die Abschaffung der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der kommunistischen Partei, der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften ging.

...wird immer noch nicht erkannt, dass der damalige Antisemitismus heute seinen Nachfolger im Antiislamismus gefunden hat.

...wird immer noch die Auffassung vertreten, es sei doch nun endlich an der Zeit, diese Dinge ruhen zu lassen, niemand wolle mehr an diese Zeit erinnert werden, und die nachfolgende Generation, also wir, hätten kein Recht nach wie vor kritische Fragen an die Vorgängergenerationen zu stellen, denn schließlich könnten die sich nicht zur Wehr setzen und wir hätten ja nicht in einer Diktatur leben müssen.


Michael Krämer

Struther Kinder im Mai 1945 auf einem bei den schweren Kämpfen um Struth am 7. April 1945 zerstörten Hetzer - Panzer


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