Iseke - Feier und Heimattreffen in Holungen 1956


Den nachfolgenden Bericht über die Iseke-Feier und die Enthüllung eines Denkmals auf der "Graseforst" entnehmen wir dem "Thüringer Tageblatt" vom 10. 7. 1956:


Seit der Bestattung des Pfarrers und Heimatdichters Hermann Iseke im Juli 1907 hatte Holungen nicht mehr eine solche Menschenmenge gesehen wie an diesem Julisonntage. Damals trauerte mit dem Heimatdorf und dem Eichsfelde der Himmel. Es regnete unaufhörlich. Diesmal aber schien nach langen trüben Wochen die Sommersonne auf tausende froher Menschen, die hier zusammenströmten, um das Andenken des berühmten Landsmannes zu feiern und dem Himmel Dank zu sagen für das Geschenk des hervor­ragenden Sohnes unserer eichsfeldischen Heimat. Das Dorf war festlich mit Girlanden und Fahnen geschmückt. An den Ortseingängen waren Triumph­bögen zur Begrüßung der Gäste errichtet worden, die schon am Samstag in Scharen eintrafen.



Aus dem Kreise Duderstadt kamen fast 300 Untereichsfelder. Außerdem in Omnibussen aus Gladbeck, Bochum und Umgebung rund 70 Landsleute. Ferner stellten sich mehr als 200 Einzel reisende ein, so daß in der Eröffnungssitzung des Festausschusses am Nachmittag etwa 600 Eichsfelder aus dem deutschen Westen begrüßt werden konnten. Der Vorsitzende hieß alle Fest­teilnehmer herzlich willkommen und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß es gelungen sei, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Auch der Bürger­meister und der Vorsitzende der Gemeindevertretung begrüßten die er­schienenen Heimatfreunde und dankten allen, die sich an den Vorberei­tungen beteiligt haben.





Die Spannung stieg schon, als in der Abenddämmerung sich eine große Volksmenge zur Höhe hinaufbewegte. Die Kapelle Kaltenhäuser aus Gern­rode leitete die Feierstunde mit dem Triumphmarsch aus "Aida" ein. Der Kirchenchor sang unter seinem Dirigenten Otto Ertmer "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre". Ein Mädchen trug das am ?Brunen Bühl" ent­standene Gedicht vom "Sonnenstein" vor.

Der Heimatfreund Josef D a u b e l entwarf ein packendes Bild Hermann Isekes, in das er schöne persönliche Erinnerungen einflechten konnte. Als die Hülle von dem Steinkoloß gefallen war, wurden Fackeln entzündet. Eine Stafette eilte zum Sonnenstein hinauf, wo an einem hohen Kreuz viele Lich­ter aufflammten. Ein großes Feuer wurde entfacht. Zur gleichen Zeit loder­ten auf den Höhen bei Duderstadt Feuer empor. Die Musik spielte den Eichsfelder Sang, in den die Menge einstimmte. Oberamtsrichter Dr. L e r ch aus Duderstadt (Wachstedt) legte namens der Studenten-Vereinigungen, denen Hermann Iseke angehört hat, einen großen Kranz an dem Denkmal nieder. Auch die Gemeinde Holungen ließ einen Kranz niederlegen, eben­so der Bund der Eichsfelder Vereine.






Der Pfarrer links im Bild ist Dr. Bernhard Opfermann

Geboren 3.2.1913 in Kassel, gestorben 21.12.1995 in Hildesheim.

Nach dem Abitur am Wilhelms-Gymnasium in Kassel studierte er in Fulda Theologie, empfing dort 1937 die Priesterweihe, wirkte als Kaplan in Hosenfeld (1938-1940) und Petersberg (1940-1942), als Pfarrvikar in Holungen (1943-1946) und Ershausen (1946-1948), war von 1948-1961 Pfarrer in Wiesenfeld und von 1961-1983 in Struth, seit 1983 i.R. in Hildesheim-Bavenstedt.

Ein Höhepunkt war der Festgottesdienst am Sonntagmorgen. Hierzu war auf dem alten Kirchhof vor der Mariensäule bei den Gräbern der geist­lichen Brüder Iseke ein Altar aufgebaut worden. Das Levitenamt zelebrierte der älteste der aus Holungen stammenden und anwesenden Geistlichen Pfarrer Ignaz Thraen aus ßrinkhausen bei Höxter. Die Predigt hielt der jüngste unter ihnen, Vikar Heinz Rumpf aus Fulda. Er hob den großen Entschluß Hermann Isekes hervor, auf seine aussichtsreiche Laufbahn als fertiger Jurist trotz all der Hindernisse, die in der schweren Kulturkampf­zeit im Wege standen, zu verzichten und sein Leben dem Priesterstande zu weihen. Er wollte die Herrschaft Gottes künden und Liebe säen. Die Liebe, die keine Grenzen und Heimatlosigkeit kennt, auch keinen Völker­haß. "Laßt uns hinausgehen und wie Dr. Hermann Iseke die Liebe Christi offenbaren, auf daß sie eine Welt des Friedens und ein Weg zur ewigen Heimat werde."

















Waren schon in dieser Stunde mehrere tausend Menschen in Holungen versammelt und standen sie in den Straßen in der Nähe der Dorfkirche Kopf an Kopf, so kamen vor Beginn des Festzuges am Nachmittag noch ungezählte Festteilnehmer. Im Festzug, indem farbenfrohe Trachtengruppen zu sehen waren, erregten besonders zwei prachtvoll ausgestattete Wagen mit großen Porträts Hermann Isekes und Anton Thraens, des Astronomen, die Bewunderung der Zuschauer, die die Straßen säumten. Die Eichsfelder aus der Fremde bildeten eine eigene Gruppe in zum Teil echten alten Eichsfelder Trachten.

Die Festrede auf dem vor dem Dorf eingerichteten Platz hielt Lehrer Schäfer, der sich mit seinem Kollegen Atzerodt um die Veranstaltung sehr verdient gemacht hat. Er sagte u. a. Am Leben und Wirken Hermann Isekes könnten wir unser Verhältnis zur Heimat überprüfen. Hermann Iseke habe seine Heimat gekannt. Er habe sie durchwandert, nach ihrer geschicht­lichen und volkskundlichen Seite erforscht und darum so sehr geliebt. Der Jugend rief der Redner zu : "Erwandert auch ihr eure schöne Heimat!" Aus seiner großen Heimatliebe, so führte der Redner weiter aus, sei Iseke auch ein Wohltäter der Landsleute geworden. Er sprach gerne in der Mundart der Holunger Heimat. Man sollte das Heimatgefühl nicht verschütten lassen. Die Bande zwischen Heimat und Fremde dürfen nicht zerreißen. Wir dürfen uns nicht auseinanderleben! Auf dem Platze, auf den wir gestellt sind, wollen wir schaffen und so unser Teil an der Erhaltung des Friedens mithelfen zum Wohle unserer Heimat, unserer Mitmenschen und unseres deutschen Vaterlandes.

Der stellv. Vorsitzende des Kreises Worbis, Burkhart, wünschte im Namen des Kreises dem Heimattreffen einen guten Verlauf und gab der Hoffnung Ausdruck, daß es zur Wiedervereinigung der Deutschen und zum Frieden beitragen möge.

Darauf nahm Oberkreisdirektor Dr. Gleitze aus Duderstadt das Wort. Er dankte für die Einladung, der trotz Schwierigkeiten und Kosten rund 300 Untereichsfelder gern gefolgt seien. Auch das offizielle Untereichsfeld grüße die hier versammelten Landsleute. Namens der 40.000 Einwohner des Kreises Duderstadt gelobe er unverbrüchliche Verbundenheit. Seine Teilnahme an diesen Feierstunden habe das Untereichsfeld auch durch sein Friedensfeuer am Samstagabend und durch das Läuten sämtlicher Glocken ausdrücken wollen. Möge der Herrgott unsere gemeinsamen Bemühungen segnen und uns die baldige Wiedervereinigung schenken. Mit einem be­geistert aufgenommen Hoch auf unser Eichsfeld schloß Dr. Gleitze.

Mit Jubel aufgenommen wurde ein vom Vorsitzenden des Bundes der Eichsfelder Vereine in Düsseldorf eingegangenes Grußtelegramm.

Am Montag fand ein Gedächtnisgottesdienst statt. Anschließend versam­melten sich die noch anwesenden Landsleute.

In der Begrüßung wurden die Teilnehmer gebeten, an dem Gemein­samem Verbindendem festzuhalten und alles zu tun und vorzubereiten, was zum Wegfall der unseligen Zonengrenzen führen und den Riß durch die deutschen Herzen heilen könnte. Der Gedanke an einen neuen Krieg sei abscheulich und dürfe von den Kulturvölkern des 20. Jahrhunderts nicht erwogen werden. Zum Sprecher der Gäste machte sich der Untereichsfelder Landsmann Rust aus Mingerode. Er dankte im Namen aller für die herz­liche Aufnahme, all die genossenen Aufmerksamkeiten und Freuden, die die kühnsten Erwartungen übertroffen hätten. Mit dem gemeinsam gesun­genen Heimatlied "Bist du gewandert durch die Welt" verabschiedeten sich die westdeutschen Landsleute.



Am Nachmittag wurde an dem Geburtshause des früheren Pfarrers von Dingelstädt, Anton Thraen, der in der Gelehrtenwelt als bedeutender Astronom bekannt ist, eine Gedenktafel enthüllt. Die Teilnehmer an dieser Feier bewegten sich unter den Klängen einer Musikkapelle durch das Dorf. Der Kirchenchor gab der sinnvollen Ehrung des stillen Priesters und Wissenschaftlers einen stimmungsvollen Rahmen. Heimatfreund M. Strecker aus Worbis charakterisierte ihn mit dem eigenen Ausspruch: "Bis 8 Uhr abends bin ich Pfarrer, dann ziehe ich mich in das Reich der Zahlen zurück." Sein Neffe, der schon genannte Pfarrer Ignaz Thraen, dankte für die Ehrung des Onkels und erinnerte an die beiden verschiedenen Tempe­ramente der beiden großen Holunger Hermann Iseke und Anton Thraen.

Die Straßen wurden leer und leerer, nur die Holunger selbst und ihre Verwandten, die zu den erhebenden Festtagen in die alte Heimat gekom­men sind und länger hier verweilen wollen, setzten die Unterhaltung auf der Festwiese noch fort. Jetzt erst kamen sie ja dazu, ihre persönlichen Er­innerungen aufzufrischen und über ihre eigenen Lebensschicksale zu erzählen. Jetzt erst fanden sie auch Zeit, die Iseke-Ausstellung im Schwestern-Haus zu besuchen. Schulzeugnisse, Doktor-Brief, Bilder und Handschriften, auch Gedicht-Entwürfe sind zusammengetragen worden. Besonderes Interesse erweckte ein Schirm, der Hermann Iseke in China verliehen worden ist und eine gestickte Inschrift trägt.

Mit Freude und Stolz können die Holunger auf die erlebnisreichen Juli­tage 1956 zurückblicken. Sie werden an sie erinnert, wenn sie das Denk­mal am "Brunen Bühl" und das große Kreuz auf dem Sonnenstein sehen. Das Bild, das Oberkreisdirektor Dr. Gleitze aus Duderstadt als sichtbares Zeichen eichsfeldischer Verbundenheit überreichte, wird einen Ehrenplatz erhalten. Es ist eine Originalradierung des bekannten Eichsfelder Malers Richard Ohlmer und zeigt das herrliche Duderstädter Rathaus, das Schätze der gemeinsamen Geschichte vom Unter- und Obereichsfeld birgt. Lö