Das Fräubchen von England

Foto von der Linde auf dem Burgberg um 1908.
Die Linde auf dem Burgberg wurde 1933 gefällt.

Bischofstein
Hermann Iseke

Dort auf dem "Stein" die Linde,
Die Zeugin grauer Zeit,
Sie träumt im Abendwinde
Von der Vergangenheit;
Sie denkt der Eisenmänner,
Die dröhnend hier gegangen,
Sie denkt der lichten Frauen,
Die hier den Reigen schlangen!-

Jetzt hebt ein freudig Rauschen
Die Linde Blatt um Blatt;
Ist's dass sie sich besonnen
In rechtem Stolze hat
Auf seine Himmelsblume,
Die Größte ihrer Toten,
Sankt Elsbeth, die als Herrin
Dereinstens hier geboten?

War ja das Schloß zum Steine
Das Eigen jener Frau,
Die Thüringen gewandelt
In einen Segensgau;-
Vielleicht, dass hier vor Zeiten
Elisabeth gestanden
Und betend ausgebreitet
Die Hände ob den Landen.

Doch bald nach ihren Tagen
Sitzt an dem Chor des Steins
Das Rad und weht vom Turme
Das Banner von Kurmainz,
Kurmainz, das von dem Geiste
Sankt Elsbeths nie gelassen
Und väterlich geführet
Des Friedethales Sassen!-

Was braust dir, alte Linde,
Ein Sturm da durch den Ast?
Ist's dass du dich besonnen
Des Schwedenkrieges hast,
Als Trug des Glaubenseifers,
Die Hand bereit zum morden,
Hertrieb entmenschte Scharen,
So rau wie ihre Fjorden?

Da war's als von dem Steine
Gefallen Stein um Stein;
Da war's als ihn beleckte
Der Flammen roter Schein;
Da war's, als diese Stätte
Gesehn zum letzten Male
Die Veste, die da herrschte
Jahrhundert'e überm Thale!

2.

Gar anders weiß zu melden
Das Volk, der Sagen froh,
Der Bischofstein gefallen
Mit nichten wäre so;
Nein, einer Kriemhild Rasen
Wohl habe ihn gebrochen,
Die den erschlag'nen Gatten
Am Bischofstein gebrochen.

Von England fuhr der König
Vor Zeiten übers Meer,
Mit Erich seinem Diener
Ans Eichsfeld kam er her;
Zu Flinsberg bei dem Küster
Saß abends er zu Raste,
Der lud zum Kindtaufsschmause
Den Fremden Mann zu Gaste.

Doch von den Gästen einer
Der war von arger Art;
Der schlimme Bischofsteiner
Der hatte schnell gewahrt,
Das Gold und Edelsteine
Der Fremde bei sich trüge,
Und wägte gleich im Sinne,
Wo er ihn drob erschlüge.

Er forschte nach der Stunde,
Er fragte nach dem Weg,
Wann und wohin der Pilger
Mit dem Begleiter zög'.
Dann bei des Tages Dämmern
Im Thal zu Ascherode
Lag er vermummt auf Lauer
Und schlug ihn da zu Tode.

Den Leichnam, den Beraubten,
Ein Brunnen tief empfing,
Der Knecht, behend' entwichen,
Der Mörderhand entging;
Der Ritter trug im Jubel
zum Bischofstein die Beute,
Die reiche, bluterworb'ne.-
O weh! Wie bald's ihn reute!

Knapp' Erich war auf Schwingen
Des Windes heim geeilt
Und hatte mit der Botschaft
Der Gattin Herz zerteilt.-
"Und das du mir erschlagen
Den lieblichen Genossen,
so will ich eh? nicht rasten,
Bis auch dein Blut geflossen!"

Und mit dem Treuvasallen,
Blutrache in dem Sinn,
Zum Eichsfeld kommt geritten
Die schöne Königin;-
"Wo aber ist, o Erich,
Der Ort, wo er erschlagen?
Den Räuber und seine Höhle,
Mein Knecht, sollst du nun sagen!"

Doch Erich war entronnen
Besinnung all des Orts,
Er wusste nicht die Stätte
Mehr jenes Königsmords,
Nur wußt' er, dass die Stelle,
Wo kam sein Herr zu Tode,
In einem Grunde liege
Und endige auf "rode".-

Wie gingen da in Flammen
Die "rode"-Dörfer auf!
Wie fassten da die Ritter
Des scharfen Schwertes Knauf
Zu spät erfuhr des Mörders
Sie erst den wahren Namen-
Nun Junker von dem Steine,
Nun sprich dein letztes Amen!

Es lacht der Bischofsteiner
Ob solchen Weibersturms,
Vertrauend seinen Mauern,
Der Festigkeit des Turms!-
"Willst du, denkt er, nicht anders,
So schick? ich dich zum Gatten,
Vielleicht ist noch ein Plätzchen
Bei seinem sel'gen Schatten!

Es sagen mir Spione,

Dein Panzer sei gefeit,
Der silbern deinen Busen
Umschließt, vielholde Maid;
Vielleicht das eine Kugel
Von gleich gefeitem Erze
Zu öffnen weiß dein mordlich
Mich liebend Frauenherze!?-

Und eine Kugel läd't er
Ins schhnellende Geschoß,
Von Silber, nicht viel breiter,
Als eine Erbse groß;
Als sie die Harnischringe
Durchfuhr der Königinne,
Da quoll mit rotem Blute
Ihr Leben aus der Brünne.

Da hub ein großes Weinen
Bei den Getreuen an;
Den teuren Leib der Fraue
Sie trugen ihn hindann,
Begruben ihn zur Erde
Mit Tränen siedend heißen;
Und ist der Ort noch heute
Die "Frauenruh'" geheißen.

"Nun hast du, Bischofsteiner,
Des Bluts vergossen zwier,
Das dritte, das ist deines,
Nun, Mörder sieh dich für !"-
Ein wildes Steingerassel
Zerschmettert Thor und Speiche,
Und was da Leben hatte,
Wird zweigestückte Leiche!-

Das ist die alte Sage,
Schier jedem Kind bekannt,
Von blut'ger Treu' und Minne
Des "Fräubchens von Engelland":
Kriemhild und Ungarns Agnes,
Die König Albrecht rächte,
Erkenn ihr nicht die Schwester
Mit nacktem Schwert, die echte?

Das Fräubchen von England
Dazu schreibt Lambert Rummel im "Lengenfelder Echo":

"Um die Frühburg des Steins fließen geschichtliche Tatsachen und im Volk überlieferte und bis heute noch erhaltene Legenden und Sagen ineinander. So rankt sich um unser "Nidderstes Hus" die Sage der Zerstörung dieser Frühburg durch ein "Fräubchen von England". Schaut man die deutsche Geschichte an, so finden wir um 1180 bis 1181 unter Kaiser Friedrich Barbarossa in seinem Zwist mit dem Herzog Heinrich des Löwen, welcher eine Tochter Heinrich des II. von England zur Frau hatte, eine Möglichkeit, dieser Sage einen historischen Wert beizulegen. Über diesen Streit zwischen Barbarossa und dem Löwen finden wir in der Chronik des Bischofsteins (2. Teil) diesbezüglich folgendes aufgeführt:
"Als der Herzog Heinrich der Löwe 1180 sich von Neuem gegen den Kaiser auflehnte und der Kaiser hiervon Nachricht erhielt, befahl er dem Landgrafen Ludwig II. (auch "der Milde" genannt), mit einer Armee in Sachsen einzubrechen und Hattisleben zu belagern und zu zerstören.
Hierauf tat Herzog Heinrich der Löwe einen Einfall in Thüringen, nahm Mühlhausen und Nordhausen ein und verbrannte hin und wieder viele Dörfer. Wie Landgraf Ludwig dieses inne Wurde, brachte er so viel Volk auf, als er immer konnte und vermochte und zog nebst seinem Bruder Hermanno gegen Herzog Heinrich den Löwen, der eben im Begriff war Thüringen wiederum zu verlassen. Wie aber Landgraf Ludwig ihn einholete, kam es zwischen byden Teilen zu einem blutigen Gefechte, in welchem Langraf Ludowicus nicht allein den Kürzeren zog, sondern auch noch dazu mit seinem Bruder Hermann gefangen wurde."
Da nun mehrere Historiker über obiges Treffen verschiedener Meinung sind, so spricht aber die Sage von diesem Fräubchen im Friedatal dafür, dass dieses Treffen bei Struth stattgefunden habe. Anschließend hätte dann aus dem Gefolge des Herzogs eine Engländerin, welche vielleicht bei obigem Treffen ihren Mann verloren hatte, aus Rache auch die Burg Stein zerstört, wobei sie vom Vogt vom Stein erschossen worden sei. Von ihren Mannen sei sie dann unter der Burg Stein begraben worden.
Nach diesen aufgeführten Hinweisen muss wohl diese im Volksmunde erhaltene Sage einen historischen Wert besitzen. Dass aber dieses Fräubchen unter dem Frauenstein begraben sein soll, habe ich mit den folgenden Beweisgründen wiederlegt."
Eine andere Quelle, nämlich Wolfgang Trappe, analysiert das Ganze folgender maßen:
"Die wohl bekannteste Sage im Südeichsfeld ist aber die vom "Fräubchen von England". Nachzulesen in: "Das Eichsfeld", C. Duval, 1845, und nacherzählt von Lehrer F. Huhnstock in: "Eichsfelder Heimatbuch", 1956. Folgt man J. Grimms These (Deutsche Mythologie, 1835), beinhalten Sagen eine halbhistorische Beglaubigung. Sie zu analysieren lohnt sich also.
Die Heldin unserer Sage ist das "Fräubchen von England" Dessen Gemahl (Vater, Bruder?) wurde erschlagen, als er mit Schätzen und einem Diener unter dem Hülfensberg entlang zog. Täter soll der Vogt von der Burg "Steyn" gewesen sein.
Der entkommene Diener trug die Hiobsbotschaft übers Meer, wusste aber nur, dass die Untat in der Nähe eines Ortes geschehen war, der auf "-rode" endete. Daraufhin kam seine Herrin in die Steiner Gegend und ließ die umliegenden "Rode"-Dörfer niederbrennen. Beim Sturm auf die Burg wurde Sie getötet und zwar nahe der Lengenfelder Hagemühle, an der Stelle, wo im 19. Jahrhundert noch der Frauenstein stand. Wut entbrannt erstiegen die Ihren die Burg, hieben alles nieder und machten sie dem Erdboden gleich.
Erhebt sich die Frage, wer war ihr Mann?
Ins Spiel gebracht wurde der englische König Richard Löwenherz (1157-99), der vom Kaiser geächtet durch Mitteldeutschland flüchtete. Oder war mit "Fräubchen" Mathilde, die Frau Herzog Heinrichs des Löwen (1129-95) und Tochter des englischen Königs gemeint? Sie soll im Krieg ihres Mannes gegen Kaiser Barbarossa die Dörfer jener Vasallen verbrannt haben, die es mit dem Kaiser hielten. Natürlich ist diese Herleitung unsinnig."......

(Wieso?)
"Nachvollziehbarer wäre, dass die Sage im Kern einen Hülfensberg-Wallfahrer-Bezug hat. Wir wissen, dass im 14. Jahrhundert Seeländer, darunter auch Leute von Engernland zum "Sunte Hulpe" (Hülfensberg) pilgerten."...
"Raubrittertum vorausgesetzt, könnten Steiner Burgmannen einen wohlhabenden Pilger ausgeraubt und getötet haben. Die Untat an ihrem Gatten zu ahnden, kam das Fräubchen mit Getreuen zum Eichsfeld und wurde selbst Opfer. Erwiesen ist, dass die in eine niedere und obere Anlage gestaffelte Burg erst verfiel, nachdem sie verwaist war. Die dazugehörige Stadt mit Marktrecht wurde vordem aufgegeben. Nach 1693 taufte der Lengenfelder Pfarrer in der St. Georg Burgkapelle "ein von einer Maleficperson (Übeltäterin) im Kerker geborenes unächtig Kind. Der Vater derzu war der Scharfrichter aus der Vogtey, ein Ehmann."
Unweit der Hagemühle und nahe der noch 1577 bis 1677 nachgewiesenen Dorfstelle Amsrode (Amschrode), stand, am Zufluss der Lutter in die Frieda sowie am Aufgang zur Burg und zum Hülfensberg, in der Wüstungsflur ein frühgotischer Grabstein, der wohl der Bildkunst des 14. Jahrhunderts angehört.
Auf ihm sind Maria und Johannes unter dem Kreuz abgebildet. Die beiderseits aufgeführten Wappenschilde deuten auf das Grabmahl einer Frau hin. Deshalb auch "Frauenstein" genannt. Davor eine mysteriöse Steinkugel mit einem Durchmesser von 60 cm. Für die Dorfbewohner der Umgegend war und ist die Stätte auch heute noch ein Rätsel.
Betrachtet man sie jedoch unter dem Aspekt der Patronatsübergabe des Hülfenberges an das Anroder Zisterzienserkloster, lichtet sich der Schleier des Geheimnisvollen. Als der Stein gegen Ende des 14. Jahrhunderts gesetzt wurde, hatte das Kloster 1357 die Kirche in Sundhausen und Büttstedt nebst Zubehör abgetreten, dafür aber im Tausch vom Martinsstift in Heiligenstadt das Patronat über die Pfarrkirche zu Geismar und über das Wallfahrtshaus auf dem Stouffenberg hinzugewonnen. Schon 1360 gab es eine erste große Wallfahrt dorthin."....
"Zwischen Anrode und dem Pilgerberg gab es fortan reges Hin und Her der Klosterjungfrauen.
Vermutlich ereilte dabei eine von ihnen der Tod. Bedenkt man, dass es damals mehr Frauen- als Männerklöster gab und besonders Burgleute ihre Töchter nicht mit leeren Händen in ein Kloster schickten, folgten sie auch in der Stouffenbergregion diesem Brauch. ... Geht man davon aus, dass auch im späten 14. Jahrhundert die eine oder andere Proysentochter (Ritter auf Burg Stein) Anroder Zisterzienserin wurde, könnte der Frauenstein die Grablege einer Konventualin aus diesem Geschlecht sein." ...
Was die Grabkugel am "Frauenstein" anbetrifft, symbolisiert sie vermutlich ritterschaftliche Stärke eines Geschlechts, das eine Tochter gleichstellte, der hohes Ansehen zuteil geworden war.
(Nach 1840 kam die Kugel in ein an die alte Schmiede anstoßendes Gehöft. Der Frauenstein, knapp 2 Meter hoch, ist ein Fragment, dessen untere Hälfte noch um 1924 "als unter der Diele der Lengenfelder Schmiede eingemauert" galt. 1884 ließ der Ortspfarrer die obere Hälfte in die Kirchhofsmauer einsetzten. Oberhalb der Mauer hat später auch die Kugel einen würdigen Platz gefunden.)
Es war der Stein, der die Altvordern inspiriert hatte, immer neue Unheimlichkeiten über die zu erzählen, die darunter lag und im Volksglauben keine andere als das Fräubchen war. Man wollte von Urahnen gehört haben, dass sie auf einem Einspänner unterhalb von Stein von einem silbernen Pfeil des Burgvogtes getötet wurde. Andere erzählen, dass sie unweit der Hagemühle vom Pferd gerissen und niedergemacht wurde.
Im benachbarten Hessen wird sie als Kindsmörderin geschildert.
In Geismar erzählt man, dass der Vogt sie ans Pferd band, nachschleifte und am Wege zur Entenmühle in zwei Teile riss. Noch heute heißt die Stelle "zur halben Frau".
In Faulungen, dem Nachbardorf von Lengenfeld, ritt sie durch den Zellaer Klosterwald und stürzte auf der Klosterschranne samt Pferd in einen gähnenden Spalt.
Raue Sitten anno dazumal - und die nicht nur in der Sage.