Es ist nicht einfach, eine Persönlichkeit zu würdigen, deren Einflussnahme auf uns alle in unserer Jugend als liebevoller Berater und schließlich als väterlicher Freund unser Werden bereicherte.
Er wurde 23. Februar 1886 in Dorpat (Estland) als Sohn des Schuldirektors Ripke geboren.
1904 absolvierte er in Petersburg das Abitur und war dann 1 Jahr lang Privatlehrer zweier junger Mädchen in Moskau.
1905 verließ er Russland und promovierte zum "Doktor der Exakten Philosophie". Hiernach kam er als Lehrer nach Bischofstein. Ripkes vielfältige Aktivitäten in den zwanziger Jahren kann ich nur stichwortartig erwähnen, um nicht zu weitschweifig zu werden.

Da waren die Literarischen Abende und die Theateraufführungen. Da war seine Begeisterung für das Theater. Es gab noch einen anderen Ripke: den Natur liebenden Landwirt, den Wanderer. Und zu guter Letzt war da noch der Traumdeuter und Philosoph.

Als 1933 langsam aber stetig der Nationalsozialismus Einzug in Deutschland hielt und der Freiheitsbegriff eine andere Deutung erhielt, konnte Ripke sich nur schwer damit abfinden. Er musste drei jüdische Schüler entlassen und verweigerte den Hitlergruß. Das führte natürlich zu Misshelligkeiten.
Bereits am 31.3.1936 musste Ripke auf Veranlassung des Oberpräsidenten in Magdeburg das Amt des Schulleiters niederlegen. Der linientreue Herr Hoffmann wurde ihm vor die Nase gesetzt. Trotzdem feierten wir einen unvergesslichen 20. August.
1947 wurde Bischofstein eine "Pädagogische Fachschule für Russisch". Frau Dr. schrieb mir damals: "Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schön alles geworden ist. Die ollen Stühle und Schränke wurden repariert. Frisch gestrichen sind sie wie neu. Die Schlafsäle sind ganz gemütliche Zimmer geworden, in denen 60 junge Menschen leben, Männlein und Weiblein, um die schwere russische Sprache zu erlernen. Billo gibt 4-5 Stunden täglich russischen Unterricht und ist wieder ganz in seinem Element." - Diese Euphorie sollte nicht lange anhalten.

1954 war ein Schicksalsjahr für Ripke und letztlich für uns Alle. Es war das Todesjahr von Frau Doktor.
Schon bei der 50-Jahr-Feier kam in einer unvergesslichen Rede von Ripke die Tragik der deutschen Teilung, die ihn sehr belastete, zum Ausdruck: "Uns alle in der Ostzone verbindet ein gemeinsames Schicksal der Hoffnungslosigkeit und Trostlosigkeit, der inneren Not, der Verzweiflung, der seelischen und geistigen Verödung und der Einkerkerung jeder Bewegungsfreiheit." Er verfluchte die "idiotische Zonengrenze", die totale Reisesperre und bezeichnete seine Stimmung als "desperaten Miserabilismus".

Am 4.1.1964 siedelte er nach Hannover um, wo er kurze Zeit später, am 5.3.1965, verstarb.


Am 10.3. trugen wir ihn zu Grabe - aber nicht seinen Leitspruch: "Erziehung ist nur möglich durch Freiheit, sonst wäre sie nicht, was sie sein soll: Wagnis." Die Freiheit ist der Atem der Welt!"

Helmut Bauer
im Jahre 1989