Gustav Marseille - Biographie (Auszug)

Gustav Marseille entstammte einer nach Hessen gekommenen Hugenottenfamilie, die ihres Glaubens willen die südfranzösische Heimat verlassen hatte. Auf dem vom Landgrafen von Hessen bereitgestellten Domänenland gründeten sie mit Schicksalsgenossen die kleine Kolonie Friedrichsdorf bei Hofgeismar und lebten dort mehrere Generationen lang als einfache Bauern. Der Vater Gustav Marseilles Georg besuchte das Lehrerseminar in Homberg/Efze, wo er später als Lehrer an der Taubstummenanstalt und schließlich auch am Seminar wirkte. Georg Marseille verstarb schon, als der Sohn vier Jahre alt war. Die Mutter siedelte mit den Kindern nach der alten Universitätsstadt Marburg um. Hier besuchte Gustav das Gymnasium Philippinum, wo er 1884 die Reifeprüfung bestand. Anschließend studierte er dort , Theologie und legte 1889 und 1890 beide theologische Staatsprüfungen ab.

Nach der üblichen Seminar- und Hilfslehrerzeit erhielt Gustav Marseille 1897 eine Anstellung als Oberlehrer am städtischen Realgymnasium in Düsseldorf. In Düsseldorf schloss Dr. Marseille 1900 auch seine erste Ehe mit Else Lagershausen. Die junge Frau, die ihm drei Knaben Walter, Ernst und Wolfgang schenkte, war von einer äußerst zarten Konstitution. Bald zeigten sich bei ihr Spuren einer beginnenden Gemütskrankheit, die schließlich zum dauernden Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik führte.

In der Hoffnung, dass ein Aufenthalt auf dem Lande heilsam auf den Krankheitsverlauf sein könnte, war Gustav Marseille von Düsseldorf nach Putbus auf Rügen gewechselt. Mit dem dortigen staatlichen Pädagogium war ein Alumnat verbunden, dessen Leitung ihm übertragen wurde. Hier konnte er seine Ideen als Lehrer und Erzieher besser verwirklichen als in der Großstadt.Von Putbus aus unternahm er 1904 eine Studienreise nach England, dem damaligen Musterland ländlicher Heimschulen. Ein Jahr nach der Rückkehr aus England verließ Marseille Putbus, um an das größte Erziehungsinstitut Deutschlands nach Schulpforta bei Naumburg zu gehen.

Am 1.Oktober 1905 wurde er dort als Oberlehrer und 2.Geistlicher angestellt. Besser als in Schulpforta schien ihm aber das von englischen Vorbildern geprägte Schulsystem von Hermann Lietz zu sein, der drei miteinander verbundene Landschulen gegründet hatte.1907 übertrug ihm Lietz die Leitung der Schule in Haubinda. Aber auch hier kam es bezüglich der pädagogischen Praxis zwischen beiden bald zu Auseinandersetzungen. Gustav Marseille, der sich durch nichts von seinem Ziel abbringen ließ, trennte sich von Lietz, um eine Schule ganz nach eigenen Vorstellungen aufzubauen. Nach längerem Suchen fand er dann auch das geeignete Objekt für "seine" Schule. Die schwermütige Schönheit des Eichsfeldes, seine weltabgeschiedene Lage obwohl mitten in Deutschland, die karge waldreiche Mittelgebirgslandschaft mit ihrem rauen Klima und seinen zuverlässigen Bewohnern nahmen ihn von Anbeginn an gefangen. So kam denn junges Leben in das zuletzt so stille kurfürstliche Schloss, das nach häufigem Besitzwechsel sehr verwahrlost war.

Am 18. Januar 1908 eröffnete Dr. Marseille die neue "Erziehungsschule Schloss Bischofstein". Er begann mit 35 Schülern, darunter 8 Ausländern bzw. Auslanddeutschen. Mehrere von ihnen waren ihm aus Haubinda gefolgt, dabei den Verlust eines Halbjahres riskierend.  Den ersten Prospektender der neuen Schule in Deutsch und Englisch (Modern School for boys) setzte er als Leitspruch die Worte de Lagardes voran. "Erziehung ist Hilfe im Werden".

Die Aufgaben der Schule formulierte er: "Wir wollen ein Geschlecht heranziehen, das sich seiner Jugend freut, ein fröhliches Herz hat, gesund an Leib und Seele ist, und dabei doch tüchtige Kenntnisse besitzt; ein Geschlecht, das pietätvoll verehrt, was die Väter schufen und doch mutig genug ist, neue Bahnen mit Besonnenheit zu wandeln und zu führen; ein Geschlecht, dem jede Art von Arbeit vertraut ist, körperliche wie geistige, das Freude des Lebens nicht im Genus sucht, sondern in der Lust gelingender Arbeit".

Die Schule nahm nur Jungen ab Quarta auf. Vorher sollten die Kinder nach den Vorstellungen Marseilles im Elternhaus aufwachsen. Mädchen konnten am Unterricht teilnehmen, wurden aber nicht in das Internat aufgenommen. Der Tagesablauf war schon damals so eingeteilt, wie wir ihn erlebten, beginnend mit dem Wecken um 6 Uhr und endend mit dem Bettgang um 22 Uhr.
Die Schulbehörde stand der neuen Schule anfangs sehr skeptisch gegenüber. Die guten schulischen Erfolge bei dem extern an anderen Schulen vor fremden Lehrern abgelegten "Einjährigen-Examen" (mittlere Reife) veranlasste aber die Provinzialschulkommission ab 1913 der Schule die Berechtigung zur Abnahme dieser Prüfung in Bischofstein zu erteilen. In diesem Jahr besuchten bereits 70 Schüler unsere Schule.

Hedwig Marseille geb. Vowinkel, Schülerin von Max Reinhardt , gab eine große Theaterkarriere auf, um sich an der Seite ihres Mannes der Förderung junger Menschen zu, widmen.

In den folgenden Jahren setzte Gustav Marseille sein Werk mit neuem Schwung fort. Er verlangte von Lehrern und Schülern einen ähnlichen Einsatz, wie er ihm selbstverständlich war. Jedem Schüler galt seine persönliche Betreuung. Er förderte ihre unterschiedlichen Interessen und half dort, wo sie Schwierigkeiten hatten. Eine Lungen- und Rippenfellentzündung, die er sich bei der Außenarbeit im strömenden Regen im Oktober 1917 zugezogen hatte, warf den rastlosen Mann aufs Krankenlager. Ein Herzversagen brachte am 6. November 1917 das Ende. Von seinen tief trauernden Lehrern und Schülern wurde der große Lehrer, Erzieher und Organisator auf dem kleinen Friedhof unter dem Stein zur letzten Ruhe getragen.Es blieb ihm erspart, den Tod seiner Söhne Ernst und Wolfgang zu erleben, die auf einer Ferienfahrt in der Warthe ertranken.

Wer hätte die Persönlichkeit des Gründers unserer Schule besser würdigen können, als der Mann, der sein Werk vollendete. 1958 widmete ihm unser Wilhelm Ripke anlässlich des 50-jährigen Jubiläums folgenden Nachruf:

"Die seltene Gabe, Erzieher der Jugend zu sein, besaß Gustav Marseille nur deshalb, weil ihm nie sein persönliches Führertum wichtig war, sondern die Sache der Bischofstein geweiht war: Jugendlichen Menschentum zu dienen. Nicht um Grundsätze und Programme, um Richtungen und Ansichten war ihm zu tun, sondern im tiefsten beseelte ihn der Wunsch, die seiner Obhut anvertrauten jungen Menschen das erleben zu lassen, was so stark und ursprünglich in ihm lebendig war: Ehrfurcht vor allem wahrhaft Wirklichen, es sei auch was es sei, Ehrfurcht vor dem Leben in seiner Mannigfaltigkeit, seiner Farbigkeit und Vielförmigkeit, in seiner nie zu erschöpfenden Tiefe und Fülle. Denn ein Mensch, der sich wie Gustav Marseille zum Wahlspruch seiner Lebensarbeit das schlichte Wort eines deutschen Mannes erwählt hatte, Erziehung sei Hilfe am werdenden Menschen, der war in seinem Inneren demütig und wusste, dass von Erziehung nur da die Rede sein kann, wo dem Kinde die Möglichkeit gegeben wird, den Weg zu seinem inneren Schicksal zu finden, auf das es in freudiger Bejahung seines eigenen Wesens den Mut finde, sich zu sich selbst zu bekennen. Darum ist Erziehung nur möglich durch Freiheit, sonst wäre sie nicht, was sie sein sollte: Wagnis; denn auch das Leben selbst ist Wagetat, und die Freiheit ist der ewig glühende Atem der Welt.
"


Günther Hangen im Jahr 1989