Die Textilindustrie im Südeichsfeld

 



Eichsfelder Textiltraditionen

Die Verarbeitung von Schafwolle und von Flachs war über Jahrhunderte untrennbarer Bestandteil der bäuerlichen Hauswirtschaft. Vor allem in den Wintermonaten beschäftigte sich die gesamte Familie mit dem Spinnen der Wolle und des Flachses und stellten daraus auf einfachen Webrahmen die für die Kleidung unerlässlichen Woll- und Leinenstoffe für den eigenen Gebrauch her.

Es gab aber auch schon früh in Heiligenstadt eine Gilde der Leineweber, die für den Markt produzierte. In einem Antrag des Rates der Stadt Heiligenstadt an den Mainzer Erzbischof vom 2. Oktober 1705 auf Bestätigung einer neuen Ordnung für die Leineweber heißt es: " ... da dieser Gilde uhralt Privilégia durch die Länge der Zeit ziemblich in Abgang kommen, zu des Handwerks Aufnahme aber ersprießlich wehre, wenn dieselbe mit neuen Gildebrief privilegiert würde."

Der Mainzer Erzbischof Johann Schweickardt verlieh am 5. August 1611 dem Marktflecken Dingelstädt eine Zunftordnung in der neben den Zünften der Bäcker, Knochenhauer (Fleischer), Schuster und Schmiede auch die Leineweber erwähnt werden. (Schaefer, Geschichte der Stadt Dingelstädt, 1926, S. 269) Vor allem in den Dörfern des Eichsfelder Kessels um Niederorschel wurde auch schon über den eigenen Bedarf hinaus Leinen für den Markt hergestellt.

Einen Wendepunkt in der Geschichte der Textilindustrie des Eichsfeldes stellt das Jahr 1682 dar. In diesem Jahr ließ sich Valentin Degenhardt aus Frieda in Hessen in Großbartloff nieder. Er hatte als Dragoner in dem hessischen Regiment Graf zur Lippe am französisch-niederländischen Krieg (1672-1678) teilgenommen. Dabei erlernte er während der Winterquartiere in Lille die Arrasweberei (nach der Stadt Arras so benannt), wie sie damals in der nordfranzösischen Landschaft Artois und in Flandern üblich war. Nach seiner Rückkehr in die Heimat wandte er sich an die Tuchmacherzunft in Eschwege, die ihm aber die Ausübung des Handwerks mit dem Hinweis: "... die von Frieda sind nicht zünftig..." versagte. Valentin Degenhardt wandte sich nunmehr an den Oberamtmann des Eichsfeldes, Philipp Kaspar Freiherr von Bicken, der ihm die Ausübung seines Gewerbes im Eichsfeld erlaubte und die Wahl seiner Niederlassung freistellte.

Das Aufschlagen des ersten Webstuhls für die Raschweberei, (Abschleifung und Eindeutschung des Wortes Arras) war eine geschichtliche Stunde für das Eichsfeld. Billige Wolle in entsprechender Menge und Qualität war ausreichend vorhanden, die Regierung behinderte die Ansiedlung nicht durch einschränkende Gesetze und schließlich war eine Bevölkerung vorhanden, die bereit und geschickt war, diese Arbeit zu erlernen und aus der Wollverarbeitung Nutzen zu ziehen.

Bald klapperten im ganzen Obereichsfeld die Wollwebstühle. Schon im Jahre 1710 zählte die Gilde der Rasch- und Zeugmacher mehr als tausend Mitglieder, die in Großbartloff und den benachbarten Dörfern wohnten. Man kann davon ausgehen, dass zur Inganghaltung eines Wollwebstuhls etwa 8 bis 9 Personen, vor allem für die Garnherstellung, benötigt wurden. An diesen Arbeiten wurden selbst die alten Leute und Kinder beteiligt.

Durch die enorme Ausweitung der Produktion konnte der Bedarf an Schafwolle und daraus gesponnenem Garn im Eichsfeld allein nicht mehr aufgebracht werden. Es entwickelte sich das Verlagssystem: Händler beschafften die Wolle, ließen sie zunächst meist in den Bauernhöfen, später auch in Manufakturen, Waschen, Kämmen und Spinnen, und gaben sie an die Heimweber in Lohnarbeit weiter. Nach der Fertigstellung, übernahmen sie wiederum den Absatz der Gewebe. Diese Arbeitsteilung brachte eine Produktivitätssteigerung mit sich, machte aber die Weber auch von ihrem Verleger abhängig.

Die meisten Verleger der Eichsfelder Webwaren waren in Mühlhausen und Langensalza ansässig. Sie hatten Geschäftsagenturen in ganz Europa und so konnte man "Eichsfelder Tuche" sowohl in Italien und der Levante (östliches Mittelmeergebiet) als auch in England kaufen, wo die Lutteroths aus Mühlhausen Niederlassungen hatten.

Aber auch im Eichsfeld selbst, und vor allem in Küllstedt, beschäftigten sich Händler mit dem Vertrieb von "Raschen". In den Akten finden sich z.B. für das Jahr 1756 sechs Händler aus Küllstedt, die Wollzeuge an die Herzogliche Hauptwollmanufaktur in Gotha lieferten.

Ende des 18. Jahrhunderts waren im Eichsfeld über 3.000 Webstühle in Betrieb. Aus einem Bericht des Amtmanns des Amtes Gleichenstein von 1766 geht hervor, das in seinem Amtsbezirk wenigstens 1.500 Webstühle, 523 Rasch­machermeister, 110 Gesellen und 49 Lehrlinge, ferner 28 Leinenweber mit 3 Gesellen und 2 Lehrlingen vorhanden waren.

Innerhalb von 100 Jahren hatte sich die Bevölkerung des Eichsfeldes, im wesentlich bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung durch die Wollweberei, mehr als verdreifacht.

Das Aufkommen der Maschinenspinnerei und des mechanischen Webstuhls in England, der Wegfall wichtiger Absatzgebiete in Folge der französischen Revolutionskriege und der Kontinentalsperre führten zu deutlichen Einbrüchen beim Absatz der eichsfeldischen Webwaren, und so wurde die Weberei, die einst zum Segen für das Land wurde, nun zum Fluch. Die Stockung des Absatzes hatte eine unvorstellbare Not zur Folge.

Das gesamte 19. Jahrhundert war eine Zeit des Niedergangs der Weberei und dadurch bedingter sozialer Probleme. Viele Eichsfelder suchten Saisonarbeit in der Fremde, um damit ihr Brot zu verdienen und die Familien ernähren zu können. Viele ließen sich im Ruhrgebiet nieder, wo durch den sich ausweitenden Bergbau und die Eisenverarbeitung Arbeitskräfte benötigt wurden. Auch die Auswanderungszahlen nach Übersee, vor allem nach Amerika, waren enorm.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, in den sogenannten Gründerjahren, kündigt sich auch im Eichsfeld ein bescheidener wirtschaftlicher Aufschwung an. Neben den Zigarrenfabriken, die sich in vielen Orten des Eichsfeldes ansiedelten, kam es auch zur Ausbreitung eines neuen Textilgewerbes. 1892 gründete Christoph Schellhaas aus Mühlhausen in der Blochmühle bei Dingelstädt die erste Strickerei im Eichsfeld. Mühlhausen hatte sich nach 1871 zu einem Zentrum der Strickwarenindustrie in Deutschland herausgebildet. Im Jahre 1895 waren in 56 Strickereibetrieben der Stadt 820 Arbeiter beschäftigt. Im Jahre 1896 richtete die Firma Rathgeber aus Mühlhausen in Dingelstädt eine Filiale ein. 1899 wurden in Effelder und Küllstedt Strickereien gegründet. Bis zum ersten Weltkrieg gab es in fast allen Orten des Obereichsfeldes neben Zigarrenfabriken auch Strickereibetriebe, die in der Regel eine größere Anzahl Heimarbeiter beschäftigten.

Im Jahre 1903 gründete die Brüder Christoph und Heinrich Schellhaas in Dingelstädt gemeinsam einen neuen Strickereibetrieb, den sie bis 1914 erheblich ausbauten. Es wurden Filialen in Beberstedt und Zella errichtet. In Spitzenzeiten wurden über 600 Mitarbeiter beschäftigt.

Die Brüder Robert und Franz Rhode errichteten von 1906 bis 1914 Strumpfstrickereien in Heiligenstadt, Kirchworbis, Heuthen, Effelder und Küllstedt, in denen bis zu 1.000 Personen beschäftigt waren.

Weitere größere Strickereien wurden in diesen Jahren vor allem in Diedorf (Hubert Mock, August Laufer) und in Heyerode (Wilhelm Krumbein) aufgebaut. Daneben gab es noch Hunderte von Klein- und Familienbetrieben.

Diese Betriebe bestanden fast alle bis in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Einige mussten zwar während des Krieges die Arbeit einstellen, unmittelbar nach Kriegsende wurde aber von den meisten die Produktion wieder aufgenommen.

Neben der Materialbeschaffung, die in der Nachkriegszeit äußerst schwierig war, machten die politischen Verhältnisse in der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR den Betrieben immer mehr zu schaffen. Die größeren Betriebe wurden in der Regel bereits in den ersten Nachkriegsjahren enteignet und in den Volkseigenen Betrieben (VEB) Eichsfelder Obertrikotagenwerk Dingelstädt und Thüringer Strumpfwarenfabriken Diedorf zusammen­gefasst. Viele kleinere Betriebe gingen ein, weil die Besitzer in den Westen Deutschlands flüchteten. Die Unternehmer, die sich nicht entmutigen ließen und da blieben, wurden in den 50er und 60er Jahren mehr oder weniger gezwungen Produktionsgenossenschaften (PGH) des Strickerhandwerks zu bilden.

Ab dem Jahre 1957 wurde in den Thüringer Strumpfwarenfabriken Diedorf Kinderstrumpfhosen produziert. Alfred Seipel und Otto John entwickelten diese Strumpfhosen und die dafür notwendige Technologie. An viele Betriebe im Raum Sachsen und die Strumpfwarenfabrik Heiligenstadt wurden Lizenzen zur Herstellung von Strumpfhosen vergeben. Sie wurden in viele Länder West- und Osteuropas exportiert. Allein in Diedorf wurden von 1957 bis 1989 ca. 350 Millionen Stück hergestellt.

1972 wurden auch die letzten Privatbetriebe, die größtenteils vorher schon staatliche Beteiligung aufhehmen mussten, verstaatlicht. Die PGH "Kügro" in Küllstedt und die PGH "Dünkopf" in Dingelstädt wurden ebenfalls aufgelöst und mit einigen kleineren Privatbetrieben zu selbstständigen VEB's zusammen­geschlossen.

Im Zuge der Kombinatsbildung in der DDR wurden diese Betrieb 1974 an die bestehenden zwei großen Strickereibetriebe (VEB EOW Dingelstädt und VEB Thüringer Strumpfwarenfabriken Diedorf) angeschlossen. Diese zwei Betriebe hatten dann jeweils etwa 2.000 Mitarbeiter.

Obwohl sie in technischer Hinsicht gut ausgerüstet waren, konnten sie in dieser Größenordnung nach der politischen Wende und der Währungsunion 1990 nicht überleben. In der alten Bundesrepublik war die Beschäftigtenzahl der Textilindustrie seit 1970 um etwa 75% gesunken, diese Entwicklung vollzog sich nun in weniger als zwei Jahren in den neuen Ländern. Die Betriebe wurden unter Regie der Treuhandanstalt entflochten und neue Investoren, nicht nur aus dem Bereich der Textilindustrie, wurden gesucht.

So entstanden aus einzelnen Betriebsteilen der ehemaligen Kombinatsbetriebe neue private Betriebe, die einen Neuanfang im Strickereisektor wagten.

In Dingelstädt wurde 1991 die MB-Modeproduktion mit etwa 70 Mitarbeitern gegründet. Ein weiterer, neuerbauter Betrieb, die Dingelstädter Strick GmbH, siedelte sich im neuen Gewerbegebiet an.

Gerhard Mai und Renate Breitenbach bauten in Zella die Mai-Bach Strickmoden GmbH in einem ehemaligen Betriebsteil des Eichsfelder Obertrikotagenwerkes auf.

In Küllstedt gründete Alfred Seipel mit den Brüdern Bruno und Hubert Hagedorn in den Räumen der früheren Firma Müller die Trift Strickwaren GmbH, die heute etwa 35 Mitarbeiter hat.

Die Thüringer Strümpfe GmbH in Diedorf hat ebenfalls einen Neuanfang gewagt und produziert weiterhin im Eichsfeld Strumpfwaren. (Produktion wurde 2010 ? eingestellt)

Diesen Betrieben ist es zu verdanken, dass die einhundertjährige Tradition der Strickwarenherstellung im Eichsfeld nicht ausgestorben ist.

 

Ewald Holbein, Mai 2003

(Als Quelle für diese Zusammenstellung wurde benutzt: Karl Paul Haendly, Das kurmainzische Fürstentum Eichsfeld in Ablauf seiner Geschichte, seine Wirtschaft und seine Menschen 897-1933, Duderstadt 1996)