Bahnhof Schwebda

Von Hermann Josef Friske
Der Bahnhof Schwebda

Als im Jahre 1872 der Baron von Keudell aus Schwebda für 24.000 Reichsmark Ländereien in der Schwebdaer Flur an das Deutsche Kaiserreich zum Zwecke des Eisenbahnbaus veräusserte, wusste man in der Umgebung: Die Bahn kommt! Mit dem Bahnhofsbau in Schwebda begann man im Laufe des Jahres 1875. Ab dem 4. Juli 1888 besaß der Bahnhof Schwebda endlich auch seine Bahnhofswirtschaft, deren erster Pächter Friedrich Schilbe war, der aber scheinabr die Wirtschaft nur wenige Jahre betrieb. Denn bereits im Jahre 1895 wurde im Königlichen Landratsamt laut Klage darüber geführt, dass die Bahnhofswirtschaft in Schwebda nicht besetzt sei. Im Jahre 1896 bekam der Bahnhof Zuwachs durch ein Extra - Gleis zur neu errichteten Dampfziegelei der Gebrüder von Keudell, das vom Bahnhof aus in Richtung Geismar nach links zur Ziegelei hin abbog und eigentlich aus zwei Gleisen bestand.

Die Ziegelei war bis etwa 1917 in Betrieb und wurde bereits im Jahre 1919 wieder abgerissen. Zunächst war der Bahnhof Schwebda auch nur ein Durchgangsbahnhof wie viele andere an der Strecke gelegene Bahnhöfe. Dies sollte sich am 2. April 1900 ändern, denn an diesem Tag begannen mit dem obligatorisch ersten Spatenstich beim Bahnhof Schwebda die Bauarbeiten zum Neubau der Bahnlinie von Schwebda über Wanfried nach Treffurt (Länge 16 km) die später im Jahre 1907 in Richtung Eisenach bis Hörschel verlängert wurde und von der Bevölkerung liebevoll "Das Botenlieschen" genannt wurde. Die Einweihung dieser Strecke fand am 1. Mai 1902 mit einem feierlichen Eröffnungszug statt, der um 9.45 Uhr in Eschwege losfuhr, zunächst bis Schwebda die Trasse der Kanonenbahn benutzte, um schließlich die Neubaustrecke bis Treffurt zu befahren.

An der Kanonenbahn wurde am 26. Februar wieder gearbeitet. Die Strecke bis Leinefelde wurde zweigleisig ausgebaut. Nicht eindeutig geklärt ist indes der Ausbau zwischen Eschwege und Schwebda. Hier waren zumindest die Brücken zweigleisig ausgebaut. Es gibt auch Zeitzeugen, die behaupten, auch dieser Abschnitt wäre zweigleisig befahren worden. Ein Gleisplan vom Bahnhof Schwebda aus dem Jahr 1911 zeigt aber nur eine eingleisige Ausfahrt in Richtung Eschwege. Es gibt auch Stimmen, die behaupten, die Strecke zwischen Eschwege und Schwebda wäre beim Bau der Heiligenstädter Bahn zwischen 1911 und 1914 zweigleisig ausgebaut worden. Belegt ist die Eröffnung der zweigleisigen Strecke zwischen Geismar und Schwebda am 26. Februar 1907 sowie zwischen Küllstedt und Geismar mit dem Zug Nr. 334 am 4. April 1907 und am 30. April 1907 die Eröffnung des zweigleisigen Betriebs zwischen Eschwege und Niederhohne mit Zug Nr. 368. Der Bahnhof Schwebda sollte aber noch größer werden. In den Tagen um Ostern 1912 begann man mit der 32,06 Kilometer langen Bahnlinie zwischen Heiligenstadt und Schwebda, deren Luftlinie lediglich 19,4 Kilometer betrug, das bedeutet einen Umweg von ca. 75 Prozent    der einfachen Entfernung. Die Bahnlinie sollte am 1. Oktober 1913 in Betrieb gehen, aber durch diverse Schwierigkeiten beim Bahnbau, bedingt durch die schwierige Trasse, lagen am 15. August 1914, dem zuletzt anberaumten Eröffnungstermin noch keine Gleise. Am 28. August lagen lediglich die Gleise zwischen Heiligenstadt und Heiligenstadt - Ost. Inzwischen war am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg ausgebrochen. Dadurch blieben Materiallieferungen aus und die meisten Arbeiter mussten an die Front. Aus diesem Grund konnte die Strecke erst am 30. September 1914 fertiggestellt werden und am 1. Oktober 1914 ohne jegliche Feierlichkeiten in Betrieb gehen. Im Bahnhofsbereich von Schwebda wurde im Zusammenhang mit der Neubaustrecke nach Heiligenstadt hinter dem Bahnhof Schwebda rechts vor der Überführung der Straße nach Kella ein neues großes Stellwerk errichtet. Diese Bahnverbindung nach Heiligenstadt bekam sehr schnell den Spitznamen: ?Die Eichsfelder Bimmelbahn?, weil die Lok auf der Strecke fast fortwährend läutete. Da jetzt auf dem Schwebdaer Bahnhof ein für hiesige Verhältnisse reger Eisenbahnverkehr herrschte, entstand in unserer Gegend der Spruch: ?Hier herrscht ja ein Verkehr wie am Schwebdschen Bahnhof!? In der Zeit zwischen den Weltkriegen begann man bei der Reichsbahn an die Kosten zu denken. Aus diesem Grund wurde im Jahr 1928 ein Verbrennungs - Benzol - Triebwagen in Eschwege aus der Serie VT 756 Kassel stationiert, von Dieser Triebwagen wurde in den verkehrsarmen Zeiten überwiegend auf den Strecken Eschwege - Schwebda - Ershausen und Eschwege - Schwebda - Treffurt eingesetzt. Der Triebwageb wurde bei dem verheerenden Luftangriff auf den Eschweger Bahnhof so stark beschädigt, dass er im Jahr 1946 ausgemustert und anschließend verschrottet wurde. Mit der Sprengung des Friedatal - Viaduktes am 3. April 1945 wurde die Teilung der Strecke in einen östlichen und einen westlichen Teil vorweg genommen, da das Viadukt nie wieder aufgebaut wurde. (Beräumung erfolgte erst 1974. Im Jahre 1947 benötigte die Deutsche Reichsbahn (später Deutsche Bundesbahn) eine Klimakammer für kälte- bzw. wärmetechnische Versuche. Dabei besann man sich auf den für den Eisenbahnverkehr nicht mehr benötigten Frieda - Tunnel, indem das ganze Jahr über gleichbleibende Temperaturen herrschten. Das Bundesamt - Zentralamt Minden führte fortan alle kälte- und wärmetechnischen Messsungen an Zügen und und Kühlwagen im Tunnel durch. Im Tunnel standen sämtliche modernen Reisezüge der DB, bevor sie für den Verkehr freigegeben wurden. Die 18 323 (ehemalige Badische IVb Schnellzuglok), ein Prachtstück aus der Länderbahnzeit, die den Messzug die ganzen Jahre hindurch zog, war auch im Bahnhof Schwebda zu sehen. Ich sah die 18 323 oftmals morgens am Eschweger Bahnübergang, wenn ich wegen geschlossenen Schranken am Bahnübergang meinen Weg zur Arbeit unterbrechen musste, aber bei solch einem Anblick habe ich das natürlich gern getan. Immer wenn sich der Messzug im Friedatunnel befand, war in der Bahnhofsgasstätte Hochbetrieb. Die Jungen vom Messzug hatten immer großen Durst, wussten auch stets viel zu erzählen und für die Einheimischen war ihr Erscheinen immer eine willkommene Abwechslung. Im Jahre 1984 schließlich, in der Zwischenzeit sind die Computerprogramme für Messtechnik verfeinert worden, wurde der Frieda - Tunnel überflüssig und die Messstation wurde aufgelöst, denn es stellte sich heraus, dass der Tunnel baufällig war. Da es auf dem Bahnhof Schwebda nach 1945 etliche für den Bahnverkehr nicht mehr benötigte Gleise gab, stellte man hier wahrscheinlich ab Herbst 1946 zunächst jede Menge kriegsbeschädigte Güterwaggons ab, die Aufschriften wie ?Achtung Verdunkelung?, ?Beleuchtung abdunkeln? oder ?Heimatbahnhof Prag? trugen. Obwohl man in den ersten Jahren nach dem Krieg anstrebte, das Frieda - Viadukt wieder zu errichten, die Kanonenbahn als Interzonenstrecke zu nutzen und die Bahnhöfe Schwebda und Geismar als Grenzbahnhöfeauszubauen, stieß man im sowjetisch besetzten Teil auf kein Interesse. Im Jahre 1955 wurde der Bahnhof Schwebda daher Opfer der 10 Jahre zuvor gezogenen Zonengrenze. Der Bahnhof wurde am 1. Mai 1955 als Personezug - Durchgangsstelle geschlossenund in eine Bedarfs - Haltestelle umgewandelt. Nicht mehr geklärt werden konnte, ob auch die Güterabfertigung im Jahre 1955 geschlossen wurde. Es wäre möglich, dass diese noch bis ins Jahr 1960 geöffnet war, denn es gibt Zeitzeugen, die sagen, Ende der 50-iger Jahre sei die Güterabfertigung noch in Betrieb gewesen. Mitte der 60-iger Jahre fuhr ich mit meinen Kumpels oftmals mit dem Fahrrad zum Bahnhof Schwebda, um in den dort zur Verschrottung abgestellten Dampf - Loks herum zu stöbern. Die unterschiedlichsten Lok - Gattungen waren dort anzutreffen. Bis wenige Jahre vor dem Abriss des Waldgasthauses ?Leuchtenberg - Halle? auf dem großen Leuchtberg im Jahre 1976 bewirtete das alte Eschweger Original Gottlob Gleim, der wohl einzige Wirt, der auf einem Stück Schlauch und einem alten Trichter Trompete spielen konnte, das Ausflugslokal. Bei ?Onkel Gottlob? waren wir regelmäßig zu Gast, denn von dort oben hatte man eine herrliche Aussicht auf das Werratal und konnte stets den Nachmittagszuggegen 17.00 Uhr in Richtung Wanfried ab der Kurve nahe dem Bahnhof Grebendorf bis wenige Meter vor Frieda entlang dampfen sehen. Nur an den Bahnhöfen Grebendorf und Schwebda verschwanden die Dampfwolken für einige Minuten. Hören konnte man den Zug bereits von der Werrabrücke bei Eschwege an bis kurz vor Wanfried. Der Zug war stets mit einer 86-er bespannt und hatte 2 bis 3 Personenwagen, meist alte sogenannte ?Donnerbüchsen? und einen Gepäckwagen am Haken, manchmal auch noch einen Gütter - Waggon. Die Bahnhofsgaststätte in Schwebda wurde in den 50-iger Jahren von einem Herrn Rödel bewirtschaftet. Im Jahre 1960 übernahm Herr Rodeck, selbst ein alter Eisenbahner und gelernter Fleischer die Gaststätte und betrieb sie bis ins Jahr 1970. In diesem Jahr erwarb Frau Elfriede Thomas das gesamte Bahnhofsgebäude von der DB und betrieb die Gaststätte bis ins Jahr 1981. Gegen Ende der 70-iger Jahre war ich mit einigen Kumpels anlässlich einer Maiwanderung zu Gast in der Bahnhofsgaststätte bei Frau Thomas. In der Gaststätte ging es andiesem Tag hoch her. Bis auf den letzten Platz gefüllt, herrschte eine Bombenstimmung im Lokal, sogar eine zufällig zusammengewürfelte Kapelle spielte auf. Mit Schifferklavier, Mundharmonika, Löffeln und ähnlichen Tasteninstrumenten wurde improvisiert. Auf dem Bahngelände waren die alten Dampfloks schon längst verschwunden, dafür standen wieder etliche Güterwagen auf den Gleisen des Bahnhofs. Den Rückweg nach Eschwege traten wir gegen Abend über die Gleise an, da in den letzten Betriebsjahren der Strecke an Sonn- und feiertagen hier kein Zug mehr fuhr. Wochentags fuhren immer noch zwei Schienenbusse. Die letzte Dampflok zwischen Eschwege und Wanfried fuhr am 31. Mai 1973. Die Besatzung bestand aus Ober - Lokführer Arno Wiegand aus Jestädt und Lok - Heizer Dieter Kern aus Abterode. Im Jahre 1978 wurde letztmalig das gesamte Schienennetz zwischen dem Bahnhof Schwebda und dem Bahnhof Großburschla komplett erneuert, das alles nur für ein paar Waggons Holz, Kohle oder Knoblauch pro Jahr. War die Strecke so marode oder waren hier NATO - Interessen im Spiel? Im Bahnhof Schwebda gab es immerhin im Jahre 1989 noch Schienenstücke aus dem     Jahr 1902 und   1914. Am 15. Mai 1980 fuhr ein ellenlanger Sonderzug zwischen Eschwege, Schwebda und Wanfried zum 100-jährigen Jubiläum des Kanonenbahnabschnitts Leinefelde - Eschwege sowie dem 78-jährigen Bestehen der Nebenbahn Eschwege - Schwebda - Treffurt.Gezogen wurde der Sonderzug von einer Diesellok der Baureihe V 216. Loführer war Erwin Bödicker aus Eschwege. Im Mai 1981 wurde die Strecke zwischen Eschwege und Wanfried für den Personenverkehr stillgelegt. Der letzte Triebwagen von Eschwege über Schwebda nach Wanfried fuhr am 30. Mai 1981. Aus diesem Grund schloss Frau Elfriede Thomas ihre Bahnhofsgasstätte und verkaufte das erst vor elf Jahren zuvor von der DB erworbene Bahnhofsgebäude an die Familie Seidenberger aus Berlin. Nach erfolgtem Umbau in den 90-iger Jahren befindet sich im Bahnhofsgebäude Schwebda ein Ferien- Seminarhaus für Ayurveda - Fans. Die Einweihung erfolgte am 7. Mai 1999 und ist seitdem unter dem Namen ?Seidenberger?s Bahnstation? bekannt.