1901 -1922

Aus der Chronik
"50 Jahre Fußball in Lengenfeld u. Stein"
von Walther Fuchs


Eng mit der Entwicklung des Fußballsports in unserer Gemeinde ist die Gründung anderer Sportvereine verbunden. So fanden sich am 20. Dezember 1901 mehrere Radfahrer im Gasthaus "Deutsches Haus" - heute (1972) Friseurgeschäft Gerhard Buchwald - ein, um über die Förderung des Radfahrsports zu sprechen. Das Ergebnis war die Gründung des "Radfahrervereins Lengenfeld u. Stein 1901" mit einer Anfangsmitgliederstärke von 24 Sportlern. Gleichzeitig wurde der Vorstand gewählt, der sich wie folgt zusammensetzte:

Lorenz Wehenkel (Vorsitzender) - Martin Fischer (Stellvertreter) - Heinrich Riese (Kassierer) - Edmund Hahn (Schriftführer) - Michael Richwien (Fahrwart)

 

Schon im Jahr 1902 wurde das erste Radfahrerfest veranstaltet, auf dem das erste große "Rennen" über Geismar - Frieda - Wanfried - Katharinenberg - Struth - Lengenfeld u. Stein gestartet wurde. Sieger dieser Rennstrecke wurde Martin Fischer. Seit dieser Zeit waren die Lengenfelder Rennfahrer auf allen Rennen im Kreis und darüber hinaus in Mühlhausen, Heiligenstadt, Dingelstädt und Eschwege als gefürchtete Gegner vertreten. Die siegreichsten Fahrer in der Gründerzeit waren die Gebrüder Nikolaus und Martin Fischer, Joseph Weidemann und August Fuchs. Von den Gründern des Radfahrvereins lebt heute noch als einziger mit 96 Jahren (1972) Herr Nikolaus Fischer.

Bernhard Schade, Otto Hildebrand und Joseph Mähler um 1925

Mit großen Siegen in den zwanziger und am Anfang der dreißiger Jahre kamen stets die Rennfahrer Joseph Hahn (Mittelmühle), die Gebrüder Joseph, Heinrich und Paul Riese und Otto Hildebrand zurück.

Ein denkwürdiger Tag war auch der 29. Dezember 1910. An diesem Tag trafen sich aktive Turner in der Gemeindeschenke und riefen den Turnverein "Germania Lengenfeld u. Stein 1910" ins Leben. Die Gründer waren Joseph Kirchner, Johannes Sander, Lambert Rummel, Lehrer Christel Kellner (Vater von Dr. Kellner Mühlhausen) Lehrer Ferdinand Kleineberg, Franz Müller, Hugo Richardt, Zigarrenmeister Jungheim und Michael Marx. Den Vorsitz übernahm Joseph Kirchner, der dieses Amt bis 1933 bekleidete und unseren Turnverein mit dem Turnerfreund Lambert Rummel zu großer Höhe führte.

Lambert Rummel

Mit der Gründung des Turnvereins wurden die Sportarten Turnen, Leichtathletik und Faustball jetzt aktiv betrieben. Nun starteten unsere Turner, Leichtathleten und Faustballer auf allen Turnfesten und kehrten oft als Sieger aus Eschwege, Heiligenstadt, Dingelstädt, Wanfried, vom Heldrastein und vom Gauturnfest zurück. Wenn die nachstehenden großen Sportler unseres Turnvereins in den zwanziger Jahren wie Gottfried Hagemann, Karl Höppner und Ernst Fischer, die die gesamte Spitze des Eichsfeldes in den leichtathletishcen Disziplinen wie 100m-Lauf, Weitsprung, Kugelstoßen und Langstreckenlauf schlugen, eine solche Förderung erfahren hätten, wie sie unserer heutigen Jugend durch unseren sozialistischen Staat zuteil wird, dann wären diese Sportler bis zur deutschen Spitze vorgestoßen. Von den aktiven Turnern aus der Gründerzeit leben heute noch Andreas Busse und August Hagemann in Lengenfeld u. Stein und Peter Lorenz in Mühlhausen.

Nach dem Niedergang des Webereihandwerks im Eichsfeld im 19. Jahrhundert mußten auch die Lengenfelder Arbeiter in den Ziegeleien und Zuckerfabriken in Köln, Frankfurt/Main und Düren ihren Lebensunterhalt verdienen. Aus diesen Städten brachten dann die Arbeiter um 1900 die Nachricht von einer anderen Sportart mit, die durch Stoßen eines Lederballs mit dem Fuß betrieben wurde. Aber erst augenscheinlich bekannt mit dem Lederball wurde die Lengenfelder Jugend als von Dr. Marseille im Jahre 1908 auf Schloß Bischofstein eine Erziehungsschule gegründet wurde.
Als Zuschauer bei diesem Spiel auf Bischofstein begeisterte sich die Lengenfelder Jugend immer mehr dafür. Der Wunsch einen solchen Ball zu besitzen und auch zu spielen wurde immer größer. Aber woher das Geld dafür nehmen? Der Verdienst der Eltern reichte damals nur für den notwendigen Lebensunterhalt. Aber lassen wir selbst den Sportfreund Karl Witzel als Augenzeugen berichten:

"Ich war damals zehn Jahre alt. Da spielte uns das Glück eine beschädigte Fußballblase vom Bischofstein in die Hände. Als diese Blase geflickt war, fehlte nur noch die Hülle dazu. Mein Freund Heinrich Fischer wusste Rat. Er bat die Mutter, die selbst Schneiderin war, eine Hülle aus dicken Stoffresten zu nähen. Wenn auch dieser erste Fußball in Lengenfeld nicht gerade kugelrund war, so erfüllte er doch seinen wunderbaren Zweck. Nun jagten wir auf freien Plätzen und auf den Wiesen unserem Fußball nach. Die Tore wurden mit unseren ausgezogenen Röcken markiert. So war unser Fußballfeld schnell auf - und auch wieder abgebaut. Das Spiel endete dann jedesmal mit einer Treibjagd des Wiesenbesitzers auf uns. Unser "Heiligtum", der Fußball, konnte aber stets gerettet werden."