1968 - 1972

Aus der Chronik
"50 Jahre Fußball in Lengenfeld u. Stein"
von Walther Fuchs

In Anwendung des ökonomischen Grundgesetzes der planmäßigen proportionalen Entwicklung der Volkswirtschaft wurde die Zigarrenindustrie in Lengenfeld u. Stein am 31.12.1968 eingestellt. Der VEB Strumpfwarenfabrik Diedorf richtete dafür einen Zweigbetrieb bei uns ein. Damit hatte die BSG Empor  keinen Trägerbetrieb mehr. In einer Aussprache mit dem Vorstand der LPG "Befreites Land" wurde vereinbart, dass die LPG die Pflichten und Rechte des Trägerbetriebes übernimmt. Gleichzeitig wurde unsere BSG in einer Mitgliederversammlung in "BSG Traktor Lengenfeld u. Stein" umbenannt.
Eine hervorragende Sportpersönlichkeit, die die Geschichte des Lengenfelder Fußballsports von 1963 bis heute mitgeschrieben hat, ist unser Sportsfreund Heinz Ruhland. Schon mit 17 Jahren wurde er, bekannt als sehr guter Spieler in der Schüler- und Jugendmannschaft, in unsere I. Mannschaft berufen. Als Spielmacher und Organisator gab er unserem Fußballspiel neue Impulse, so dass seit 1965 wieder ein Leistungsanstieg zu verspüren war. Daher wurde er 1969 als Mannschaftskapitän der I. Mannschaft eingesetzt und 1970 als BSG-Leiter  gewählt. Da sein Hauptbetätigungsfeld im Fußball lag, erfolgte 1972 seine Wahl als Sektionsleiter  dieser Sparte. Weil seine persönlichen Erlebnisse einen besonders wichtigen Teil unserer Fußball-Chronik ausmachen, soll er selbst darüber berichten:
"Obwohl ich während meiner Grundschulzeit zweimal (1958 u. 1959) als Sieger der Tischtennis- Schulmeisterschaften hervorging und in den Wintermonaten an allen bekannten steilen Abfahrten rund um Lengenfeld zu finden war, blieb doch letztlich Fußball meine Lieblingssportart. Meine ersten Fußballschuhe bekam ich 1956; ich damals im 4. Schuljahr. Zu dieser Zeit hatte ich mir schon einiges in punkto Fußball von den Großen abgeguckt.
Die Straßenspiele in der Keudelsgasse sind mir unvergesslich geblieben. Hier spielten zwei Spieler gegeneinander auf der Straße. Als Tor zählte unser Hauseingang. In den meisten Fällen spielte ich gegen Karl-Heinz John. Wir beide beherrschten dann auch am besten das Dribbling und das Schießen der Tore.
Im Schülerfußball waren die interessantesten Spiele die Vergleiche der Klassen untereinander. Der Jahrgang 1946/47 mit Hansi Ernek und Dieter Mähler an der Spitze waren unsere stärksten Konkurrenten. Es gab immer wieder knappe Ergebnisse, natürlich auch Niederlagen, denen ich den öfteren nachweinte. Die ersten Spiele in der Schülermannschaft sind mir noch in unangenehmer Erinnerung. Anlässlich eines Fußballturniers in Mühlhausen verloren wir beide Spiele gegen Menteroda zweistellig. Die Spiele  gegen unsere Nachbargemeinden verliefen ausgeglichener. Zu allen  Auswärtsspielen fuhren wir mit unseren Fahrrädern. In dieser Zeit bestand in Lengenfeld eine gute Männer- und Jugendmannschaft, deren Spiele ich stets aufmerksam verfolgte und die in mir einen solchen Ehrgeiz erweckten auch einmal so "große" Spiele mitzumachen. Erwähnen möchte ich noch, dass Günter Hartmann und ich von der 6. Klasse an ehrenamtliche "Ballwarte" der Grundschule waren. Teilweise hatten wir 9 Fußbälle in guten Zustand zu halten. Darunter waren auch noch einige Bälle zum Schnüren.
Mit Beginn der Punktspielserie 1963 wurde ich bei der Neuaufstellung in die I. Mannschaft berufen. Ich war natürlich sofort dabei und versuchte mitzuhelfen, die Mannschaft zu festigen und Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen.
Diese Anfangsjahre waren für mich insgesamt die schwierigsten. Wir verloren mehrere Punktspiele, die Lust einiger Spieler fehlte, immer musste umgestellt werden und viele frühere Aktive ließen sich bitten. Trotz der hohen Niederlagen stecken wir nicht auf. Spieler wie Klaus Mähler, Günter Hartmann, Hans-Joachim Rodekirch, Franz-Josef Schäfer und Franz-Josef Ruhland bildeten mit mir in dieser Zeit den Stamm unserer I. Mannschaft. Auf diese Spieler konnte man sich verlassen. Sie bestritten alle Spiele und waren ebenfalls bemüht, die Mannschaft nach besten Kräften zu stärken.
Der Lohn zahlte sich in den nun folgenden Jahren aus. Durch Verstärkung mit einigen Soldaten der Grenzkompanie sowie Nachwuchsspielern konnte sich die Mannschaft so festigen, dass wir erfolgreicher Fußball spielten.

Lagen wir in den Spieljahren 1963 bis 1965 immer ziemlich am Tabellenende der II. Kreisklasse, so erreichten wir im Spieljahr 1965/66 schon einen guten 5. Platz.
Ein besonderer Höhepunkt war für mich das Werbespiel zu unserem Sportfest am Pfingstmontag 1965 gegen Ershausen I (damals 2. Platz- 1. Kreisklasse Heiligenstadt). Wir gewannen das Spiel 3:1. (Heinz Ruhland zeigte eines seiner besten Spiele.) Es tat mir Leid, dass ich im September 1966 die Mannschaft wieder verlassen musste, da ich in Köthen ein Ingenieurstudium aufnahm. Ich blieb aber in Köthen dem Fußball treu und spielte in der Schulmannschaft u. a. mit Hoja, jetzt Chemie Wolfen. Im Jahre 1968 errang ich mit meiner Klasse den Schulmeistertitel im Hallenfußball.
Nach Beendigung des Studiums passte ich mich wieder reibungslos in unsere Mannschaft ein 
und erreichte mit dieser Mannschaft 1969/70 den 4. Platz und 1970/71 den 2. Platz. Im  Spieljahr 1971/72 nehmen wir nach 18 Spielen zur Zeit mit 24:12 Punkten und 49:26 Toren den 3. Rang ein.
Ich wünsche unserer Mannschaft und damit auch mir aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums den Aufstieg in die I. Kreisklasse."

 Ein ganz besonderer  Leistungsanstieg begann mit der I. Halbserie des Punktespieljahres 1969/70 und steigerte sich über das Spieljahr 1971 bis zum heutigen Zeitpunkt (April 72). Daher ist es ganz interessant, eine Gesamtbilanz dieser einzelnen Jahre aufzuzeigen.
In der Punktspielserie 1969/70 wurde von unserer I. Mannschaft folgender Stand erreicht:

Ausgetragene Spiele

17

Gewonnene Spiele

12

Unentschiedene Spiele

1

Verlorene Spiele

4

Tore

63:32

Punkte

25:9

Damit erreichten wir einen hervorragenden 2. Platz.
Wir trugen im Jahre 1970 zu den 17 Punktspielen noch insgesamt 22 Freundschafts- und Pokalspiele aus. Diese Spiele zeigten ebenfalls eine zu unserer Gunsten gute Bilanz, wie folgende Aufstellung zeigt:

Ausgetragene Spiele

22

Gewonnene Spiele

12

Unentschiedene Spiele

4

Verlorene Spiele

6

Tore

46:34

Punkte

28:16

Torschützenkönig im Jahre 1970 wurde Josef Ernek mit 28 Toren. Auf den weiteren Plätzen folgten Josef Hagedorn mit 27 Toren, Hansi Ernek mit 19 Toren, Martin Hardegen mit 15 Toren und Ludwig Graul mit 10 Toren, um nur die ersten fünf Torschützen zu nennen.
Einen besonderen Erfolg im Spieljahr 1971 errang unsere Jugendmannschaft bei der Teilnahme an dem "Junge-Welt-Pokal". Mit den Siegen über Struth 3:1, Hüpstedt 3:0, gelangte unsere Jugend in das Endspiel, das gegen "Post Mühlhausen" nur mit 3:0 verloren ging. Ein weiterer Höhepunkt war das Endspiel um den Kreismeistertitel, in dem unsere Jugend gegen Grossengottern nur mit 2:1 unterlag. Trotz dieser Niederlage gebührt unserer Mannschaft ein besonderes Lob.
Im Spieljahr 1971/72 kann unsere I. Mannschaft bis zum 9.4. 1972 folgenden Stand in der Punktspielserie verzeichnen:

Ausgetragene Spiele

18

Gewonnene Spiele

11

Unentschiedene Spiele

2

Verlorene Spiele

5

Tore

39:26

Punkte

24:12

Um den Leistungsanstieg unserer I. Mannschaft zu zeigen, erwähne ich nochmals das Sportfest am 4.7.1971 in Geismar. Hier wurde unsere Mannschaft mit  4:1 über Wilbich und 6:2 über Ershausen eindeutiger Pokalsieger.
Diese großen Erfolge, die unsere Jugend und I. Mannschaft in den Jahren 1970 bis 1972 errangen, sind letztlich das Ergebnis einer zielstrebigen Arbeit des BSG-Leiters Helmut Richwien und des Sektionsleiters Heinz Ruhland.
Wie schon erwähnt, ist der Aufschwung des Lengenfelder Fußballsports in den Jahren 1970 bis 1972 eng mit dem Wirken 
des Sportsfreundes Helmut Richwien verbunden. Er übernahm am 1.11.1969 in unserer BSG die Funktion des Sektionsleiters für Fußball. Von Beruf Meister des Straßenbaus verstand er es schon immer, mit jungen Menschen umzugehen, sie zu großen Leistungen anzuspornen und durch sein eigenes Vorbild zum Erfolg zu führen. Diese guten Eigenschaften setzte er nun als Sektionsleiter auf den Sport um.
Seine wichtigste Arbeit war es, die I. Mannschaft zu einem Kollektiv zu formen und zwei sehr gute Spieler, die Gebrüder Hansi und Josef Ernek, für unsere Sektion zurückzugewinnen. Begünstigt wurde dieses Vorhaben dadurch, dass einige Spieler in seinem Meisterbereich arbeiteten.
Seine zweite Sorge galt der Verbesserung unserer Sportplatzanlage. So ist es seinem Organisationstalent und seiner Begeisterung zu zuschreiben, dass die Zuschauerbarriere gesetzt, die Laufbahn mit Ziegelmehl gedeckt, ein vollkommen neuer Treppenaufgang mit moderner Eingangstür zum Sportplatz gebaut und ein Maschendrahtzaun angebracht werden konnten.

Um die BSG finanziell weiter zu stabilisieren übernahm er mit den Sportsfreunden in freiwilliger Arbeit folgende Objekte:

  1. Abbruch von Stallungen und einer Scheune unserer LPG
  2. Bau ein er Betonmauer am ?Eichsfelder Hof? und an der ?Tierarztpraxis? in einer Länge von 30m.

Mit diesen Aufbauerfolgen schufen die Sportler unter seiner Leitung einen Wert von 9000,- Mark. Die Erfolge unserer I. Mannschaft in den Jahren 1970 bis 1972, nach den Punktspielserien zweite und dritte Plätze zu belegen, ist mit der größte Verdienst unseres Sektionsleiters.
In Anerkennung seiner Verdienste wurde unser Sportsfreund Helmut Richwien als BSG-Leiter für die Wahlperiode 1972 bis 1974 gewählt.

Die Sektionsleitung setzte sich im Jubiläumsjahr wie folgt zusammen:

Heinz Ruhland

Sektionsleiter

Hansi Ernek

Stellvertreter

Gerhard Fischer

Kassierer

Werner Witzel

Jugendsportleiter

Klaus Mähler

Technischer Leiter

Mit der 50-jährigen Geschichte "Fußball in Lengenfeld u. Stein" sind 43 Jahre meines bisherigen Lebens eng verknüpft.
Als ich die Lengenfelder Volksschule in den Jahren 1925 bis 1930 besuchte, war von einem regelmäßigen Schulsport wenig zu spüren. Lediglich in den warmen Jahreszeiten wurden die leichtathletischen Disziplinen Laufen, Springen und Werfen betrieben. Das einzige Ballspiel war zu dieser Zeit das Schlagballspiel, das viele Freunde gefunden hatte. Aber an den freien Nachmittagen waren wir Jungens immer auf der "Turnierwiese" zu finden, um Fußball zu spielen oder den "Großen" in den frühen Abendstunden beim Training auf ein Tor zuzuschauen. Glücklich waren wir, wenn wir Kleinen mitmachen durften. Ich war bald ein so begeisterter Fußballspieler, dass ich mir bei meinem Vater oft Stubenarrest dafür einhandelte. Trotz dieses Nachteils wurde ich im Frühjahr 1931 mit zwölf Jahren in die Jugendmannschaft aufgenommen und als linker Halbstürmer eingesetzt. Diesen Posten habe ich in allen Mannschaften innegehabt. Meine besten Nebenspieler in der Lengenfelder Mannschaft waren Walter Höppner als Mittelstürmer, den wir wegen seiner "kleinen" Größe nur "Pflock" nannten, Lorenz Witzel als rechten Halbstürmer und Johann Menge als Linksaußen.
Meine schönsten Spiele erlebte ich gegen Diedorf Jugend mit 6:1, gegen Heiligenstadt I. 1935 mit 4:2, gegen Wanfried I. 1935 mit 4:3, gegen VFB Mühlhausen 1936 mit 6:1 und gegen Eschwege I. 1936 mit 5:3.

Zu meinen wichtigsten Etappen im Fußballsport zählen:

1931 - 1933

Lengenfeld Jugend u. Bischofsteiner SC Jugend

1934 - 1938

Lengenfeld I. u. Bischofsteiner SC I.

1935

4 Wochen Trainingslagen in Düsseldorf unter Trainer Höger

1936

3 Wochen Trainingslagen in Dingelstedt unter Trainer Knöpfte

1938 - 1939

Langensalza I.

Walther Fuchs 1939 in Bad Langensalza

Nach Kriegsende konnte ich infolge meiner schweren Verwundungen meinen geliebten Fußballsport nicht mehr ausüben. Aber noch schmerzlicher für mich war es, dass 29 Fußballfreunde, lebensfrohe Menschen, mit denen ich so manches Spiel gewonnen hatte, in einem sinnlosen Krieg ihr Leben lassen mussten.
Als es 1946 aber hieß, einen neuen Lengenfelder Sportverein zu gründen, war ich sofort wieder dabei, um den Fußballsport in unserer Heimat mit empor zu führen. In der Gründungsversammlung am 26. April 1946 wurde ich als Sektionsleiter für Fußball gewählt In dieser Funktion habe ich bis zum 23.10.1969 die dreiundzwanzig schönsten Jahre meines Lebens mit jungen Menschen erlebt. Wenn es auch einige Krisenjahre mit einem mächtigen "Tief" gab, so möchte ich diese Zeit aus meinem Leben niemals missen
.
Aus meiner 43-jährigen Erfahrung im Fußballsport möchte ich hier an dieser Stelle zwei von mir gewonnene wichtige Lebensweisheiten allen jüngeren Sportsfreunden mit auf den Weg geben:

?Erfolge werden wir nur dann erzielen, wenn wir zusammenhalten.?

?Sport und Frieden sind untrennbar.?

Für die nächsten 50 Jahre wünscht Euch im Fußball weiterhin viel Erfolg

Euer Walther Fuchs

Lassen wir noch einmal die 50 Jahre der Lengenfelder Fußballgeschichte an unseren Augen vorüberziehen, dann können wir heute mit Stolz berichten, dass in unserer Gemeinde die Ziele verwirklicht wurden, für die unsere Sportler in den Zwanziger und Dreißiger Jahren gekämpft haben. Das aber war nur möglich durch die großzügige Unterstützung und Förderung des Sports durch unseren Staat der Arbeiter und Bauern, der die schöpferischen Kräfte unseres werktätigen Volkes zur höchsten Entfaltung kommen ließ, so dass unsere Körperkultur gleichzeitig Ausdruck des neuen gesellschaftlichen Lebens in unserer Gemeinde geworden ist.
Die Sportjugend von Lengenfeld u. Stein wird darum ihren großen Dank für die ständige Fürsorge, die unsere BSG ständig durch unseren Arbeiter- und Bauernstaat erhält und gleichzeitig ihre Bereitschaft bekunden, alle Kräfte dafür einzusetzen, damit die Deutsche Demokratische Republik weiter gestärkt und gefestigt wird.

Vorwärts zu neuen Erfolgen-

                   es lebe unsere sozialistische Sportbewegung!

Lengenfeld u. Stein, den 13. Mai 1972